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Gedicht der Woche vom 29.05.-03.06.2017

Das Rosenband

Im Frühlingsschatten fand ich sie;
Da band ich sie mit Rosenbändern:
Sie fühlt es nicht und schlummerte.

Ich sah sie an; mein Leben hing
Mit diesem Blick an ihrem Leben:
Ich fühlt es wohl und wußt es nicht.

Doch lispelt ich ihr sprachlos zu
Und rauschte mit den Rosenbändern:
Da wachte sie vom Schlummer auf.

Sie sah mich an; ihr Leben hing
Mit diesem Blick an meinem Leben,
Und um uns wards Elysium.

Friedrich Gottlieb Klopstock

Aus:

[Herein, du Frühlingslust!]

Herein, du Frühlingslust!

Gedicht der Woche vom 22.05. bis 27.05.2017

Wie nach dem Regen

Ich bin wie nach dem Regen
Der Stadtpark vor dem Haus.
Der Wind hat ausgekeucht,
Doch Bäum und Beete sind noch feucht
Und wiegen mir und hegen
Die schönsten Tropfen Regentaus.

Ich bin so ganz voll Feuchtigkeit,
Voll nassem Grün und Regenglück,
Weil ich dich heut gesehn.
Darum möcht ich auch nah und weit
Und wohl ein gutes Gartenstück
In mir spazieren gehn.

Franz Werfel

Aus:

[Gartenglück im Frühling]

Gartenglück im Frühling

Gedicht der Woche vom 14.05. bis 20.05.2017

Nach neuen Meeren

Dorthin ¿ will ich; und ich traue
Mir fortan und meinem Griff.
Offen liegt das Meer, ins Blaue
Treibt mein Genueser Schiff.

Alles glänzt mir neu und neuer,
Mittag schläft auf Raum und Zeit -:
Nur dein Auge ¿ ungeheuer
Blickt mich s an, Unendlichkeit!

Friedrich Nietzsche

Aus:

[Gedichte, die glücklich machen]

Gedichte, die glücklich machen

Gedicht der Woche vom 08.05. bis 13.05.2017

Frische Fahrt

Laue Luft kommt blau geflossen,
Frühling, Frühling soll es sein!
Waldwärts Hörnerklang geschossen,
Mutger Augen lichter Schein,
Und das Wirren bunt und bunter
Wird ein magisch wilder Fluß,
In die schöne Welt hinunter
Lockt dich dieses Stromes Gruß.

Und ich mag mich nicht bewahren!
Weit von Euch treibt mich der Wind,
Auf dem Strome will ich fahren,
Von dem Glanze selig blind!
Tausend Stimmen lockend schlagen,
Hoch Aurora flammend weht,
Fahre zu! ich mag nicht fragen,
Wo die Fahrt zu Ende geht.

Joseph von Eichendorff

Aus:

[Gedichte für einen Frühlingstag]

Gedichte für einen Frühlingstag

Gedicht der Woche vom 02. bis 06.05.2017

Der erste May

Der erste Tag im Monat May
Ist mir der glücklichste von allen.
Dich sah ich, und gestand dir frey,
Den ersten Tag im Monat May,
Daß dir mein Herz ergeben sey.
Wenn mein Geständniß dir gefalle;
So ist der erste Tag im May
Für mich der glücklichste von allen.

Friedrich von Hagedorn

Aus:

[Gedichte für einen Frühlingstag]

Gedichte für einen Frühlingstag

Gedicht der Woche vom 24. bis 29.04.2017

Meinland

Hier ist mein Zimmerland,
bis jetzt mein Immerland,
mein Himmelblauland,
mein Regengrauland,
mein Irgendwieland,
mein Fantasieland,
Kleinabermeinland,
mein Kommdochreinland,
mein Land ist dein Land.

Frantz Wittkamp

Aus:

[Heimat]

Heimat

Gedicht der Woche vom 17.04.-22.04.2017

Der Frühling

Wenn auf Gefilden neues Entzücken keimt
Und sich die Ansicht wieder verschönt und sich
An Bergen, wo die Bäume grünen,
Hellere Lüfte, Gewölke zeigen,

O! welche Freude haben die Menschen! froh
Gehn an Gestaden Einsame, Ruh und Lust
Und Wonne der Gesundheit blühet,
Freundliches Lachen ist auch nicht ferne.

Friedrich Hölderlin

Aus:

[Gedichte für einen Frühlingstag]

Gedichte für einen Frühlingstag

Gedicht der Woche vom 10.04. - 15.04.2017

Der erste Ostertag

Fünf Hasen, die saßen beisammen dicht,
Es machte ein jeder ein traurig Gesicht.
Sie jammern und weinen: Die Sonn will nicht scheinen!
Bei so vielem Regen, wie kann man da legen
Den Kindern das Ei? O weih, o weih!
Da sagte der König: so schweigt doch ein wenig!
Laßt Weinen und Sorgen, wir legen sie morgen!

Heinrich Hoffmann

Aus:

[O Welt in einem Ei]

O Welt in einem Ei

Gedicht der Woche vom 03.04. bis 08.04.2017

Herz, mein Herz, sei nicht beklommen

Herz, mein Herz, sei nicht beklommen
Und ertrage dein Geschick.
Neuer Frühling gibt zurück
Was der Winter dir genommen.

Und wieviel ist dir geblieben!
Und wie schön ist noch die Wet!
Und, mein Herz, was dir gefällt,
Alles, alles darfst du lieben!

Heinrich Heine

Aus:

[Gedichte für einen Frühlingstag]

Gedichte für einen Frühlingstag

Gedicht der Woche vom 27.03. bis 01.04.2017

April

Das erste Grün der Saat, von Regen feucht,
Zieht weit sich hin an niedrer Hügel Flucht.
Zwei große Krähen flattern aufgescheucht
Zu braunem Dorngebüsch in grüner Schlucht.

Wie auf der stillen See ein Wölkchen steht,
So ruhn die Berge hinten in dem Blau,
Auf die ein feiner Regen niedergeht,
Wie Silberschleier, dünn und zitternd grau.

Georg Heym

Aus:

[Gedichte für einen Frühlingstag]

Gedichte für einen Frühlingstag

Gedicht der Woche vom 20.03.-25.03.2017

Den Gärtnern

Ich zog eine Wind am Zaune;
Und was sich nicht wollte winden
Von Ranken nach meiner Laune,
Begann ich denn anzubinden,
Und dachte, für meine Mühen
Sollt es nun fröhlich blühen.
Doch bald hab ich gefunden,
Dass ich umsonst mich mühte;
Nicht, was ich angebunden,
War was am schönsten blühte,
Sondern was ich ließ ranken
Nach seinen eignen Gedanken.

Friedrich Rückert

Aus:

[»Und wie schön ist noch die Welt«]

»Und wie schön ist noch die Welt«

Gedicht der Woche vom 13.-18.03.2017

Lied

An baches ranft
Die einzigen frühen
Die hasel blühen.
Ein Vogel pfeift
In kühler au.
Ein leuchten streift
Erwärmt uns sanft
Und zuckt und bleicht.
Das feld ist brach
Der baum noch grau ...
Blumen streut vielleicht
Der lenz uns nach.

Stefan George

Aus:

[Gartenglück im Frühling]

Gartenglück im Frühling

Gedicht der Woche vom 6.-11.03.2014

Märztag

Wolkenschatten fliehen über Felder,
Blau umdunstet stehen ferne Wälder.

Kraniche, die hoch die Luft durchpflügen,
Kommen schreiend an in Wanderzügen.

Lerchen steigen schon in lauten Schwärmen,
Überall ein erstes Frühlingslärmen.

Lustig flattern, Mädchen, deine Bänder,
Kurzes Glück träumt durch die weiten Länder.

Kurzes Glück schwamm mit den Wolkenmassen,
Wollt es halten, mußt es schwimmen lassen.

Detlev von Liliencron

Aus:

[Liane Dirks: Mein Buch vom März]

Liane Dirks: Mein Buch vom März

Gedicht der Woche vom 27.02.-04.03.2017

Ein bisschen mehr Freude

Ein bisschen mehr Freude und weniger Streit,
ein bisschen mehr Güte und weniger Neid,
ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass,
ein bisschen mehr Wahrheit, das wär doch was.

Statt so viel Unrast ein bisschen Ruh,
statt immer nur Ich ein bisschen mehr Du,
statt Angst und Hemmung ein bisschen mehr Mut
und Kraft zum Handeln, das wäre gut.

Kein Trübsal und Dunkel, ein bisschen mehr Licht,
kein quälend Verlangen, ein froher Verzicht,
und viel mehr Blumen, solange es geht,
nicht erst auf Gräbern, denn da blühn sie zu spät.

Peter Rosegger

Aus:

[Viel Glück und viel Segen]

Viel Glück und viel Segen

Gedicht der Woche vom 20.02.-25.02.2017

Wert der Freundschaft

So feurig, unverfälscht und rein
wie unsers Vaterlandes Wein
muss Freundschaft sein; fest muss sie halten,
wenn auch des Schicksals Mächte schalten.

Sie kann uns Seligkeit bereiten,
selbst wenn wir mit dem Unglück streiten,
und nimmer reizt selbst Krösus Gold
den Glücklichen, dem sie ist hold;

er wird nicht nach dem Glücke laufen,
um das sonst Menschenkinder raufen,
und wenn die Freunde Freund ihn grüßen,
kann keine Unbild ihn verdrießen.

Franz Grillparzer

Aus:

[Viel Glück und viel Segen]

Viel Glück und viel Segen

Gedicht der Woche vom 13. bis 18.02.2017

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Erich Fried

Aus:

[Viel Glück und viel Segen]

Viel Glück und viel Segen

Gedicht der Woche vom 06. bis 11.02.2017

Heimatlose

Ich bin fast
gestorben vor Schreck:
In dem Haus, wo ich zu Gast
war, im Versteck,
bewegte sich,
regte sich
plötzlich hinter einem Brett
in einem Kasten neben dem Klosett,
ohne Beinchen,
stumm, fremd und nett,
ein Meerschweinchen.
Sah mich bange an,
sah mich lange an,
sann wohl hin und sann her,
wagte sich
dann heran
und fragte mich:
¿Wo ist das Meer?¿

Joachim Ringelnatz

Aus:

[Viel Glück und viel Segen]

Viel Glück und viel Segen

Gedicht der Woche vom 30.01. bis 04.02.17

Heimlich zur Nacht

Ich habe dich gewählt
Unter allen Sternen

Und bin wach ¿ eine lauschende Blume
Im summenden Laub.

Unsere Lippen wollen Honig bereiten
Unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.

An dem seligen Glanz deines Leibes
Zündet mein Herz seine Himmel an -

Alle meine Träume hängen an deinem Golde
Ich habe dich gewählt unter allen Sternen.

Else Lasker-Schüler

Aus:

[Else Lasker-Schüler: Ausgewählte Gedichte]

Else Lasker-Schüler: Ausgewählte Gedichte

Gedicht der Woche vom 23.01.-28.01.2017

Empfänger unbekannt ¿ Retour à l'expéditeur

Vielen Dank für die Wolken.
Vielen Dank für das Wohltemperierte Klavier
und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel.
Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn
und für allerhand andre verborgne Organe,
für die Luft und natürlich für den Bordeaux.
Herzlichen Dank dafür, daß mir das Feuerzeug nicht ausgeht,
und die Begierde und das Bedauern, das inständige Bedauern.
Vielen Dank für die vier Jahreszeiten,
für die Zahl e und für das Koffein,
und natürlich für die Erdbeeren auf dem Teller,
gemalt von Chardin, sowie für den Schlaf,
für den Schlaf ganz besonders,
und, damit ich es nicht vergesse,
für den Anfang und das Ende
und die paar Minuten dazwischen
inständigen Dank,
meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.

Hans Magnus Enzensberger

Aus:

[Gedichte, die glücklich machen]

Gedichte, die glücklich machen

Gedicht der Woche vom 16. bis 21.01.2017

Verfluchung Dreifach

Ein dreifach Fluch der Makellosigkeit:

Fluch erstens, weil sie einfach ohne Makel.
Fluch zweitens, weil sie zwiefach den verwirrt,
der Makel bisher teils nicht sah, teils schluckte.
Fluch drittens, weil das Leben weitergeht.
Was soll dem da die makellose Trias
Von letztem Licht, von Frau und warmer Nacht,
der tags darauf doch weitermachen muß,
so, wie er bisher lebte: makelvoll -?

Robert Gernhardt

Aus:

[Robert Gernhardt: Im Glück und anderswo]

Robert Gernhardt: Im Glück und anderswo

Gedicht der Woche vom 02.01. bis 07.01.2017

Beschloß einmal ein Pinguin

Beschloß einmal ein Pinguin
von Ant- zur Arktis umzuziehn.
Sieht alles doch genauso aus,
fand er, wie bei mir zuhaus.

Nur, daß der tollste Pinguin
ringsherum ja ich nun bin.

Kam ein Eisbär, glotzte lang,
bevor er dazu durch sich rang,
vom neuen Tier, wie unter Tieren
durchweg üblich, zu probieren.

Immerhin, so dachte sich
der Pinguin: Hier mag man mich.

Helmut Krausser

Aus:

[Ich bin so knallvergnügt]

Ich bin so knallvergnügt

Gedicht der Woche vom 27.12.16 bis 31.12.16

Ein Jahr ist zu Ende

Ein Jahr ist zu Ende.
Nun gebt euch die Hände
Und sagt: Alles Gute, Gesundheit und Glück!
Beschließt in Gedanken,
euch nicht mehr zu zanken,
und denkt an die Sünden vom Vorjahr zurück!

Bleibt nett und verträglich,
und drückt euch nicht täglich
vorm Waschen und Lernen auf listige Art!
Tuts auch nicht verdrießlich!
Es bleibt euch ja schließlich,
ob schneller, ob langsamer, doch nicht erspart!

Ein Jahr will beginnen.
Im Glockenturm drinnen
erschrecken die Tauben vom Bimm und vom Bumm.
Seid nicht wie die Tauben!
Ihr müsst an euch glauben.
Stapft fröhlich ins Neujahr und dreht euch nicht um!

James Krüss

aus:

[Johannes Thiele: Fröhliche Weihnacht überall]

Johannes Thiele: Fröhliche Weihnacht überall

Adventsgedicht der Woche vom 19. bis 24.12.2016

Dezember

Der Zeiger dreht sich unverwandt.
Geht alles nun zu End.
Schon führt der Winter hierzuland
Sein strenges Regiment.

Es knirscht der Schnee. Es klirrt das Eis.
Bald ist das Jahr herum,
Und durch die Gassen geht schon leis
das liebe Christkind um.

Das Jahr ist müd, will schlafen gehn,
Möcht endlich seine Ruh,
Hat viel gehört, hat viel gesehn
Und zieht den Vorhang zu.

Gustav Sichelschmidt

aus:

[Johannes Thiele: Fröhliche Weihnacht überall]

Johannes Thiele: Fröhliche Weihnacht überall

Adventsgedicht für die Woche vom 12.-17.12.16

Vorräte

Vorräte für den Winter:
stille Minuten für mich
ein offenes Herz für dich
schrumplige Äpfel für die Amseln
Tannengrün für das Haus
und ein kleines Gedicht
wie eine Wolldecke
gegen kalte Füße.

Carola Vahldiek

aus:

[Ein Winter-Wunder-Wünschebuch]

Ein Winter-Wunder-Wünschebuch

Adventsgedicht zum 3. Advent

Schenken

Schenke groß oder klein,
aber immer gediegen.
Wenn die bedachten
die Gaben wiegen,
sei Dein Gewissen rein.
Schenke herzlich
und frei.
Schenke dabei,
was in Dir wohnt
an Meinung, Geschmack
und Humor,
so dass die eigene
Freude zuvor
Dich reichlich belohnt.
Schenke mit Geist
ohne List.
Sei eingedenk,
dass Dein Geschenk
Du selber bist.

Joachim Ringelnatz

aus:

Die Weihnachtszeit ist wieder da

Adventsgedicht zum 1. Advent

Der Bratapfel

Kinder, kommt und ratet,
was im Ofen bratet!
Hört, wie's knallt und zischt!
Bald wird er aufgetischt,
der Zipfel, der Zapfel,
der Kipfel, der Kapfel,
der gelbrote Apfel.

Kinder, lauft schneller,
holt einen Teller,
holt eine Gabel!
Sperrt auf den Schnabel
für den Zipfel, den Zapfel,
den Kipfel, den Kapfel,
den goldbraunen Apfel.

Sie pusten und prusten,
sie gucken und schlucken,
sie schnalzen und schmecken,
sie lecken und schlecken,
den Zipfel, den Zapfel,
den Kipfel, den Kapfel,
den knusprigen Apfel.

Emily & Fritz Kögel

aus:

Anton G. Leitner, Gabriele Trinckler: Weihnachtsgedichte

Gedicht der Woche zum 1. Advent

Winter

Vom Norden der Winter kam heut in der Nacht.
Was hat er der Stadt alles mitgebracht?
Dem Mann auf dem Denkmal einen schneeweißen
Hut,
der Turmuhr eine Mütze, die steht ihr sehr gut,
der Tanne im Park einen Pelz aus Hermelin,
der Fensterscheibe Blumen, die trotz Eis und Kälte
blühn,
den Dachrinnen Bärte und der Pumpe einen Zopf,
den Kindern rote Nasen und nen Schneeball an den
Kopf.

Ilse Kleberger

Aus:

[Weihnachtszauber Winternacht]

Weihnachtszauber Winternacht

Gedicht der Woche vom 14.11. bis 19.11.2016

Lebhafte Winterstrasse

Es gehen Menschen vor mir hin
Und gehen mir vorbei, und keiner
Davon ist so, wie ich es bin.
Es blickt ein jedes so nach seiner
Gegebenen Art in seine Welt.

Wer hat die Menschen so entstellt??

Ich sehe sie getrieben treiben.
Warum sie wohl nie stehenbleiben,
Zu sehen, was nach ihnen sieht?
Warum der Mensch vorm Menschen flieht?

Und eine weiße Weite Schnee
Verdreckt sich unter ihren Füßen.
So viele Menschen. Mir ist weh:
Keinen von ihnen darf ich grüßen.

Joachim Ringelnatz

Aus:

[Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte]

Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte

Gedicht der Woche vom 07.11. bis 12.11.16

Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Hermann Hesse

Aus:

[Die besten deutschen Gedichte]

Die besten deutschen Gedichte

Gedicht der Woche vom 17.10. bis 22.10.2016

Überlegung

Eigentlich wollte ich dir den Fasan
und den Wald mit dem Bussard vererben,
nicht nur den Stacheldrahtzaun
und das Fischesterben.

Eigentlich dachte ich, Frieden sei Glück
und nicht bloß eine Vokabel.
Doch immer kehren die Tauben zurück
ohne den Ölzweig im Schnabel.

Vielleicht ist der Ölbaum schon umgehaun,
da machen Worte nichts besser.
Auch die Brücken, die wir aus Worten baun,
gehen über totes Gewässer.

Jetzt klagen mich deine Augen an
Und wollen mir nicht vergeben.
Vielleicht hab ich doch nicht genug getan
für das Leben.

Dagmar Nick

Aus:

Gedichtekalender 2017 Kleiner Bruder

Gedicht der Woche vom 10.10. bis 15.10.2016

Immerfort

Das Sonnenstäubchen fern im Raume,
das Tröpfchen, das im Grase blinkt,
das dürre Blättchen, das vom Baume
im Hauch des Windes niedersinkt ¿

ein jedes wirkt an seinem Örtchen
still weiter, wie es muss und mag,
ja, selbst ein leises Flüsterwörtchen
klingt fort bis an den Jüngsten Tag.

Wilhelm Busch

Aus:

[Nimm dir doch mal Zeit für dich]

Nimm dir doch mal Zeit für dich

Gedicht der Woche vom 04.10. bis 08.10.2016

Schlaflied für K.

Nacht oder Tag oder jetzt
Will ich bei dir liegen
Vom schlimmsten Frieden gehetzt
Zwischen zwei Kriegen

Ich oder wir oder du
Denken ohne Gedanken
Schließ deine Augen zu
Siehst du die Städte schwanken

In den Traum oder Tod oder Schlaf
Komm in den Steingarten
wo ich dich nie traf
will ich jetzt auf dich warten

Thomas Brasch

Aus:

[Die besten deutschen Gedichte]

Die besten deutschen Gedichte

Gedicht der Woche vom 26.09. bis 01.10.2016

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
Er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
Die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
Kommt er dem armen Vogel näher.

Der Vogel denkt: Weil das so ist
Und weil mich doch der Kater frißt,
So will ich keine Zeit verlieren,
Will noch ein wenig quinquilieren
Und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

Wilhelm Busch

Aus:

[Die besten deutschen Gedichte]

Die besten deutschen Gedichte

Gedicht der Woche vom 19.09. bis 24.09.2016

Zwei Segel

Zwei Segel erhellend
Die tiefblaue Bucht!
Zwei Segel sich schwellend
Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden
Sich wölbt und bewegt,
Wird auch das Empfinden
Des andern erregt.

Begehrt eins zu hasten,
Das andre geht schnell,
Verlangt eins zu rasten,
Ruht auch sein Gesell.

Conrad Ferdinand Meyer

Aus:

[Die besten deutschen Gedichte]

Die besten deutschen Gedichte

Gedicht der Woche vom 12. bis 17.09.2016

Der kleine Unterschied

Es sprach zum Mister Goodwill
Ein deutscher Emigrant:
¿Gewiß, es bleibt dasselbe,
sag ich nun land statt Land,
sag ich für Heimat homeland
und poem für Gedicht.
Gewiß, ich bin sehr happy:
Doch glücklich bin ich nicht.¿

Mascha Kaléko

Aus:

[Mascha Kaleko: In meinen Träumen läutet es Sturm]

Mascha Kaleko: In meinen Träumen läutet es Sturm

Gedicht der Woche vom 05.09. bis 10.09.2016

was brauchst du

was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie groß wie klein das Leben als Mensch
wie groß wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie groß wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel

Friederike Mayröcker

Aus:

Gedichtekalender 2017 Kleiner Bruder

Gedicht der Woche vom 29.08. bis 03.09.2016

Lerche über mir

Wie gut wir zusammen gehn, du und ich,
auf dem langen Weg!
Wie genau fühle ich dich
ganz im Unwirklichen über mir, Lerche!
Die Zweige brechen
das ewig granatfarbne Licht
des Sonnenuntergangs. Und wir gehn,
bis es fast ein Wunder ist
wenn wir stehn bleiben eines Tags,
und ein Abenteuer
wenn wir uns ewig vergessen.

Ramón Guirao

Aus:

[Das ist die Nachtigall, sie singt]

Das ist die Nachtigall, sie singt

Gedicht der Woche vom 22.08. bis 27.08.2016

Überall

Überall ist Wunderland.
Überall ist Leben.
Bei meiner Tante im Strumpfenband.
Wie irgendwo daneben.

Überall ist Dunkelheit.
Kinder werden Väter.
Fünf Minuten später
Stirbt sich was für einige Zeit.
Überall ist Ewigkeit.

Wenn du einen Schneck behauchst,
Schrumpft er ins Gehäuse,
Wenn du ihn in Kognak tauchst,
Sieht er weiße Mäuse.

Joachim Ringelnatz

Aus:

[Die Lieblingsgedichte der Deutschen]

Die Lieblingsgedichte der Deutschen

Gedicht der Woche vom 15.08. bis 20.08.2016

Aussicht

Komm zum Garten denn, du Holde!
In den warmen, schönen Tagen
Sollst du Blumenkränze tragen,
Und vom kühl kristallnen Golde
Mit den frischen, roten Lippen,
Eh ich trinke, lächelnd nippen.
Ohne Maß dann, ohne Richter,
Küssend, trinkend singt der Dichter\ Lieder, die von selbst entschweben:
Wunderschön ist doch das Leben!

Joseph von Eichendorff

Aus:

[Joseph von Eichendorff: Gedichte]

Joseph von Eichendorff: Gedichte

Gedicht der Woche vom 08.08. bis 16.08.2016

Das ästhetische Wiesel

Ein Wiesel
saß auf einem Kiesel
inmitten Bachgeriesel.

Wißt ihr
weshalb?

Das Mondkalb
verriet es mir
im Stillen:

Das raffinier-
te Tier
tats um des Reimes willen.

Christian Morgenstern

Aus:

[Ich bin so knallvergnügt]

Ich bin so knallvergnügt

Gedicht der Woche vom 01. bis 06.08.2016

Der Leser

Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht
wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,
das nur das schnelle Wenden voller Seiten
manchmal gewaltsam unterbricht?

Selbst seine Mutter wäre nicht gewiß,
ob er es ist, der da mit seinem Schatten
Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,
was wissen wir, wieviel ihm hinschwand, bis
er mühsam aufsah: alles auf sich hebend,
was unten in dem Buche sich verhielt,
mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend
anstießen an die fertig-volle Welt:
wie stille Kinder, die allein gespielt,
auf einmal das Vorhandene erfahren;
doch seine Züge, die geordnet waren,
blieben für immer umgestellt.

Rainer Maria Rilke

Aus:

[Rainer Maria Rilke: Die Gedichte]

Rainer Maria Rilke: Die Gedichte

Gedicht der Woche vom 25.07. bis 30.07.2016

Ich wandle unter Blumen

Ich wandle unter Blumen
Und blühe selber mit;
Ich wandle wie im Traume,
Und schwanke bei jedem Schritt.

Oh, halt mich fest, Geliebte!
Vor Liebestrunkenheit
Fall ich dir sonst zu Füßen,
Und der Garten ist voller Leut.

Heinrich Heine

Aus:

[Heiteres aus dem Garten]

Heiteres aus dem Garten

Gedicht der Woche vom 18.07. bis 23.07.2016

Nacht

Mit Dämmerung und Amselschlag
Kommt aus den Tälern her die Nacht.
Die Schwalben ruhn, der lange Tag
Hat auch die Schwalben müd gemacht.

Durchs Fenster mit verhaltenem Klang
Geht meiner Geige milder Strich.
Verstehst du, schöne Nacht, den Sang ¿
Mein altes Lied, mein Lied an dich?

Ein kühles Rauschen kommt vom Wald,
Daß mir das Herz erschauernd lacht,
Und leis mit freundlicher Gewalt
Besiegt mich Schlummer, Traum und Nacht.

Hermann Hesse

Aus:

[Das ist die Nachtigall, sie singt]

Das ist die Nachtigall, sie singt

Gedicht der Woche vom 11.07. bis 16.07.2016

Guter Rat

An einem Sommermorgen
Da nimm den Wanderstab,
Es fallen deine Sorgen
Wie Nebel von dir ab.

Des Himmels heitere Bläue
Lacht dir ins Herz hinein,
Und schließt, wie Gottes Treue,
Mit seinem Dach dich ein.

Rings Blüten nur und Triebe
Und Halme von Segen schwer,
Dir ist, als zöge die Liebe
Des Weges nebenher.

So heimisch alles klinget
Als wie im Vaterhaus,
Und über die Lerchen schwinget
Die Seele sich hinaus.

Theodor Fontane

Aus:

[Theodor Fontane: Das ist das höchste Glück]

Theodor Fontane: Das ist das höchste Glück

Gedicht der Woche vom 04.07. bis 09.07.2016

Meeresstrand

Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmrung bricht herein;
Über die feuchten Watten
spiegelt der Abendschein.

Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.

Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen -
So war es immer schon.

Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.

Theodor Storm

Aus:

[Mit Storm ans Meer]

Mit Storm ans Meer

Gedicht der Woche vom 27.06. bis 02.07.16

Fliege und Wanze

Die Fliege hat zur Wanze gesprochen:
¿Leih mir doch eine Maß Blut,
Ich habe den Bürgermeister gestochen.

Aber der roch nicht gut.
Und ich habe sein Blut, ohne was zu sagen,
In die Nase von seiner Frau Übertragen
Und gab auch der Tochter und dem Sohn
Eine kleine Portion.
Und nun riecht die ganze Familie
Nach Quecksilber und Petersilie
Und ist voller Pickel und Flecke,
Und es ist ein Vergnügen, von der Decke
Aus zuzugucken, wie sie sich jucken.¿

Die Wanze tat etwas fremd
Und brummte: ¿Ach, Bagatelle!¿
Und kroch dabei einem Kutscher ins Hemd.
Dort war derzeit ihre Quelle

Joachim Ringelnatz

Aus:

[Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte]

Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte

Gedicht der Woche vom 20.06. bis 25.06.2016

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Joseph von Eichendorff

Aus:

[Joseph von Eichendorff: Gedichte]

Joseph von Eichendorff: Gedichte

Gedicht der Woche vom 13.06. bis 18.06.2016

Sozusagen grundlos vergnügt

Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen
Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
Daß Amseln flöten und daß Immen summen,
Daß Mücken stechen und daß Brummer brummen.
Daß rote Luftballons ins Blaue steigen.

Ich freu mich, daß der Mond am Himmel steht
Und daß die Sonne täglich neu aufgeht.
Daß Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, daß ich bin.

Mascha Kaléko

Aus:

[Mascha Kaleko: In meinen Träumen läutet es Sturm]

Mascha Kaleko: In meinen Träumen läutet es Sturm

Gedicht der Woche vom 06.06. bis 11.06.2016

Die Birke

Eines Dichters Traumgerank
Mag sich feiner nicht verzweigen,
Leichter nicht dem Winde neigen,
Edler nicht ins Blaue steigen.

Zärtlich, jung und überschlank
Lässest du die lichten, langen
Zweige mit verhaltnem Bangen
Jedem Hauche regbar hangen.

Also wiegend leis und schwank
Willst du mir mit deinen feinen
Schauern einer zärtlich reinen
Jugendliebe Gleichnis scheinen.

Hermann Hesse

Aus:

[Hermann Hesse: Bäume]

Hermann Hesse: Bäume

Gedicht der Woche vom 30.05. bis 04.06.2016

Kleines Gedichtchen

Kleines Gedichtchen,
Ziehe denn hinaus!
Mach ein lustiges Gesichtchen.
Merke dir aber mein Haus.

Geh ganz langsam und bescheiden
Zu ihr hin, klopf an die Tür,
Sag, ich möchte sie so leiden,
Doch ich könnte nichts dafür.

Antwort, nein, bedarf es keiner.
Sprich nur einfach überzeugt.
Dann verbeug dich, wie ein kleiner
Bote schüchtern sich verbeugt.

Und dann, kleines Gedichtchen du,
Sag noch sehr innig: ¿Geruhsame Ruh¿.

Joachim Ringelnatz

[Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte]

Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte

Gedicht der Woche vom 23.05. bis 28.05.2016

Blumengarten

Am See, tief zwischen Tann und Silberpappel
Beschirmt von Mauer und Gesträuch ein Garten
So weise angelegt mit monatlichen Blumen
Daß er vom März bis zum Oktober blüht.

Hier, in der Früh, nicht allzu häufig, sitz ich
Und wünsche mir, auch ich mög allezeit
In den verschiedenen Wettern, guten, schlechten
Dies oder jenes Angenehme zeigen.

Bertolt Brecht

Aus:

[Heiteres aus dem Garten]

Heiteres aus dem Garten

Gedicht der Woche vom 16.05. bis 21.05.2016

Frühling

Wieder schreitet er den braunen Pfad
Von den stürmeklaren Bergen nieder,
Wieder quellen, wo der Schöne naht,
Liebe Blumen auf und Vogellieder.

Wieder auch verführt er meinen Sinn,
Daß in dieser zart erblühten Reine
Mir die Erde, deren Gast ich bin,
Eigentum und holde Heimat scheine.

Hermann Hesse

Aus:

[Hermann Hesse: Stufen]

Hermann Hesse: Stufen

Gedicht der Woche vom 9. bis 14.05.2016

Grün, grüner, maigrün

Hochsteigen
auf grünen Wegen
treiben
in blauer Luft

nicht säen
nicht ernten
nicht fragen
nicht fragen

Der Wind schäkert
mit allen Blättern
So grün wird es
nie wieder

Anne Steinwart

Aus:

[Da blüht dir was]

Da blüht dir was

Gedicht der Woche vom 02.05. bis 07.05.2016

Mai

Nun aber hebt zu singen an
Der Mai mit seinen Winden.
Wohl dem, der suchen gehen kann
Und bunte Blumen finden!

Die Schönheit steigt millionenfach
Empor aus schwarzer Erden;
Manch eingekümmert Weh und Ach
Mag nun vergessen werden.

Denn dazu ist der Mai gemacht,
Daß er uns lachen lehre.
Die Herzen hoch! Und fortgelacht
Des Grames Miserere!

Otto Julius Bierbaum

Aus:

[Komm, lieber Mai]

Komm, lieber Mai

Gedicht der Woche vom 25. bis 30. April 2016

Das Mädchen an den Mai

Es ist doch im April fürwahr
der Frühling weder halb noch gar;
komm, Rosenbringer, süßer Mai,
komm du herbei,
so weiß ich, was der Frühling sei!

-Wie aber, soll die erste Gartenpracht,
Narzissen, Primeln, Hyazinthen,
die kaum die hellen Äuglein aufgemacht,
schon welken und verschwinden?
Und mit euch besonders, holde Veilchen,
Wärs dann fürs ganze Jahr vorbei?
Lieber, lieber Mai,
ach, so warte noch ein Weilchen!

Eduard Mörike

Aus:

[Komm, lieber Mai]

Komm, lieber Mai

Gedicht der Woche vom 18.04. bis 23.04.2016

Der Globus

Wo sitzt, so frug der Globus leise
Und naseweis die weise, weiße,
Unübersehbar weite Wand,
Wo sitzt bei uns wohl der Verstand?

Die Wand besann sich eine Weile.
Sprach dann: Bei dir ¿ im Hinterteile!

Nun dreht seitdem der Globus leise
Sich um und um herum im Kreise ¿
Als wie am Bratenspieß ein Huhn,
Und wie auch wir das schließlich tun ¿
Dreht stetig sich und sucht derweil
Sein Hinterteil, sein Hinterteil.

Joachim Ringelnatz

Aus:

[Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte]

Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte

Gedicht der Woche vom 11.04. bis 16.04.2016

Grün war die Weide,
Der Himmel blau,
Wir saßen beide
Auf glänzender Au.

Sinds Nachtigallen
Wieder, was ruft,
Lerchen, die schalle
Aus warmer Luft?

Ich hör die Lieder,
Fern, ohne dich,
Lenz ists wohl wieder,
Doch nicht für mich.

Joseph von Eichendorff

Aus:

[Das ist die Nachtigall, sie singt]

Das ist die Nachtigall, sie singt

Gedicht der Woche vom 04.04. bis 09.04.2016

Abend im Frühling

Er gieng. Die Häuser waren alle groß.
Am lichten Himmel standen schon die Sterne.
Die Erde war den Winter wieder los
Er fühlte seine Stimme in der Kehle
Und hatte seine Hände wieder gerne.

Er war sehr müde, aber wie ein Kind.
Er gieng die Straße zwischen vielen Pferden.
Er hätte ihre Stirnen gern berührt
Und rief ihr frühres Leben sich zurück
Mit unbewussten streichelnden Geberden.

Hugo von Hofmannsthal

Aus:

[Herein, du Frühlingslust!]

Herein, du Frühlingslust!

Gedicht der Woche vom 28.03. bis 02.04.2016

Aprilregen

Gewölk und Sonne spieln herein
Und flimmern Rot im Regenschein.
Es schwingt der nasse Haselast
Windblütig seine goldne Last.

Er fliegt im Föhn, ganz vogelstill.
Die grünen Fenster wäscht April
Und wischt vom Wintersims den Staub
Mit Birkenbesen, Lappen Laub.

Peter Huchel

Aus:

[Frühling, ja du bists!]

Frühling, ja du bists!

Gedicht vom 21.03. bis 26.03.2016

Wir spielen Ostern

Wir spielen Ostern mit den Kindgewordnen
Wir spielen Winterende Lenzbeginn
Osterduft und Goldblauglanz
Bis sich das Schneeland auflöst und verwandelt
Schneeglocken auferstehn weiß duften
Glocken läuten und alles mitspielt

Wir Osterspieler mit erblühten Lauten
Veilchenflöten Sonnenorgeln
Wir österlich Vertrauten

Spielen Thoratanz und Offenbarung
Mit Hyazinthen und erweckten Blättern
Spielen Osterduft und Wiederfreude
Wiederfinden alles Auferstandnen
Wiederwissen daß wir Kinder sind

Rose Ausländer

Aus:

[Rose Ausländer: Gedichte]

Rose Ausländer: Gedichte

Gedicht der Woche vom 14.03. bis 19.03.2016

Liebe, wunderschönes Leben

Liebe, wunderschönes Leben,
Willst du wieder mich verführen
Soll ich wieder Abschied geben
Fleißig ruhigem Studieren?

Offen stehen Fenster, Türen,
Draußen Frühlingsboten schweben,
Lerchen schwirrend sich erheben,
Echo will im Wald sich rühren.

Wohl da hilft kein Widerstreben,
Tief im Herzen muß ichs spüren:
Liebe, wunderschönes Leben,
Wieder wirst du mich verführen!

Joseph von Eichendorff

Aus:

[Ich bin so knallvergnügt]

Ich bin so knallvergnügt

Gedicht der Woche 07. bis 12. März 201

Das Glück

Das Glück kommt und geht,
doch es kommt eher
in ein offenes Herz
als in ein verschlossenes,
es kommt eher
zu einem Optimisten
als zu einem Pessimisten,
es kommt eher
zu einem Sehnsüchtigen
als zu einem Selbstsüchtigen ¿
aber ob und wann es kommt,
weiß allein das Glück.

Hans Kruppa

Aus:

Hans Kruppa: Goldene Weisheiten fürs Leben

Gedicht der Woche vom 29.02. bis 05.03.2016

Wechsel

Es fällt nichts vor, mir fällt nichts ein,
Ich glaub die Welt seht still,
Die Zeit tritt auf so leis und fein,
Man weiß nicht, was sie will.

Auf einmal rührt sichs dort und hier ¿
Was das bedeuten mag?
Es ist, als hörtst du über dir
Einen frischen Flügelschlag.

Rasch steigen dunkle Wetter auf,
Schon blitzts und rauscht die Rund,
Der lustge Sturmwind fliegt vorauf ¿
Da atm ich aus Herzensgrund.

Joseph von Eichendorff

[Joseph von Eichendorff: Gedichte]

Joseph von Eichendorff: Gedichte

Gedicht der Woche vom 22. bis zum 28.02.2016

Die Ahnung

Ich trank meinen Morgenkaffee und ahnte nichts Böses.
Es klingelte. Ich ahnte noch immer nichts Böses.
Der Briefträger brachte mir ein Schreiben.
Nichts Böses ahnend, öffnete ich es.
Es stand nichts Böses darin.
Ha! rief ich aus. Meine Ahnung hat mich nicht betrogen.

Erich Mühsam

Aus:

[Ich bin so knallvergnügt]

Ich bin so knallvergnügt

Gedicht der Woche vom 15.02. bis 20.02.2016

Dämmerstunde

Im Nebenzimmer saßen ich und du;
Die Abendsonne fiel durch die Gardinen,
Die fleißigen Hände fügten sich der Ruh,
Von rotem Licht war deine Stirn beschienen.

Wir schwiegen beid; ich wußte mir kein Wort,
Das in der Stunde Zauber mochte taugen;
Nur nebenan die Alten schwatzten fort ¿
Du sahst mich an mit deinen Märchenaugen.

Theodor Storm

Aus:

[Rot - Farbe der Liebe]

Rot - Farbe der Liebe

Gedicht der Woche vom 08. bis 13.02.2016

Liebeslied

Wenn du mich einmal nicht mehr liebst,
Lass mich das ehrlich wissen.
Dass du mir keine Lüge gibst,
Noch Trug in deinen Küssen!

Dass mir dein Herz die Treue hält,
Musst du mir niemals schwören.
Wenn eine Andre dir gefällt,
Sollst du nicht mir gehören.

Wenn du mich einmal nicht mehr magst,
(Und geht mein Herz in Scherben - )
Dass du nicht fragst, noch um mich klagst!
Ich kann so leise sterben.

Mascha Kaléko

Aus:

[Mascha Kaléko: Liebesgedichte]

Mascha Kaléko: Liebesgedichte

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Gedicht der Woche vom 01. bis 06.02.2016

Die drei Spatzen

In einem leeren Haselstrauch
Da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.

Der Erich rechts und links der Franz
Und mitten drin der freche Hans.

Sie haben die Augen zu, ganz zu,
und obendrüber da schneit es, hu!

Sie rücken zusammen dicht an dicht.
So warm wie Hans hats niemand nicht.

Sie hörn alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

Christian Morgenstern

Aus:

[Christian Morgenstern: Christian Morgenstern für Große und Kleine]

Christian Morgenstern: Christian Morgenstern für Große und Kleine

Gedicht der Woche vom 25.01. bis 30.01.2016

Ein Fichtenbaum steht einsam
Im Norden auf kahler Höh.
Ihn schläfert; mit weißer Decke
Umhüllen ihn Eis und Schnee.

Er träumt von einer Palme,
Die, fern im Morgenland,
Einsam und schweigend trauert
Auf brennender Felsenwand.

Heinrich Heine

Aus:

[Der erste Frost kommt unverlangt]

Der erste Frost kommt unverlangt

Gedicht der Woche vom 18.01. bis 23.01.2016

Schnee V

Das weiße Wasser dem sich
nichts verschließt
wäscht Grenzen weg
der Regenbogen
mündet in sein Herz

Schneewittchenweiß die Stadt
jenseits hämmern Zwerge
bauen den Bergpalast
von Würfeln aus Kristall
cézanneblau
da schläft die schöne Jungfrau
tausend Jahre

Schlitten schneiden Wege
in den Schnee
er schneit sie schnell zusammen

Zahllose Sterne
unter unsern Schritten

Rose Ausländer

Aus:

[Rose Ausländer: Gedichte]

Rose Ausländer: Gedichte

Gedicht der Woche vom 11.01. bis 16.01.2016

Die Selbstkritik hat viel für sich

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus

Wilhelm Busch

Aus:

[Ich bin so knallvergnügt]

Ich bin so knallvergnügt

Gedicht der Woche vom 04.01. bis 09.01.2016

Betrachtung der Zeit

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;
Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen;
Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,
So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.

Andreas Gryphius

Aus:

[Die Lieblingsgedichte der Deutschen]

Die Lieblingsgedichte der Deutschen

Gedicht der Woche vom 21.12. bis 24.12.2015

Weihnachtslied

Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht.

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühls, ein Wunder ist geschehn.

Theodor Storm

aus:

[Von drauß' vom Walde]

Von drauß' vom Walde

Gedicht der Woche vom 14.12. bis 19.12.2015

Wann fängt Weihnachten?

Wenn der Schwache
dem Starken die Schwäche vergibt,
wenn der Starke
die Kräfte des Schwachen liebt,
wenn der Habewas
mit dem Habenichts teilt,
wenn der Laute
bei dem Stummen verweilt
und begreift,
was der Stumme ihm sagen will,
wenn das Leise
laut wird
und das Laute still,
wenn das Bedeutungsvolle
bedeutungslos
das scheinbar Unwichtige
wichtig und groß,
wenn mitten im Dunkel
ein winziges Licht
Geborgenheit,
helles Licht verspricht,
und du zögerst nicht,
sondern du gehst
so wie du bist
darauf zu,
dann, ja, dann
fängt Weihnachten an.

Rolf Krenzer

aus:

Weihnachtsgedichte

Gedicht der Woche vom 30.11. bis 05.12.2015

Am 4. Dezember

Geh in den Garten
am Barbaratag.
Gehe zum kahlen
Kirschbaum und sag:

Kurz ist der Tag,
grau ist die Zeit.
Der Winter beginnt,
der Frühling ist weit.

Doch in drei Wochen,
da wird es geschehen:
Wir feiern ein Fest,
wie der Frühling so schön.

Baum, einen Zweig
gib du mir von dir.
Ist er auch kahl,
ich nehm ihn mit mir.

Und er wird blühen
in seliger Pracht
mitten im Winter
in der heiligen Nacht.

Josef Guggenmos

aus:

[Gedichte zur Weihnacht]

Gedichte zur Weihnacht

Gedicht der Woche vom 23.11. bis 28.11.2015

Der stürmische Morgen

Wie hat der Sturm zerrissen
Des Himmels graues Kleid!
Die Wolkenfetzen flattern
Umher in mattem Streit.

Und rote Feuerflammen
Ziehn zwischen ihnen hin.
Das nenn ich einen Morgen
So recht nach meinem Sinn!

Mein Herz sieht an dem Himmel
Gemalt sein eignes Bild ¿
Es ist nichts als der Winter,
Der Winter kalt und wild!

Wilhelm Müller

aus:

[Wilhelm Müller: Die Winterreise]

Wilhelm Müller: Die Winterreise

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Gedicht der Woche vom 16.11. bis 21.11.2015

Der Eremit

Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er lächelte mitten im Schmerz.
Er wollte nur sein, nicht scheinen.
Es sah ihm keiner ins Herz.

Es hörte ihn keiner weinen,
Er zog in die Wüste hinaus.
Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er baute aus ihnen sein Haus.

Mascha Kaléko

Aus:

[Mascha Kaleko: In meinen Träumen läutet es Sturm]

Mascha Kaleko: In meinen Träumen läutet es Sturm

Gedicht der Woche vom 09.11. bis 14.11.15

ottos mops

ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso

otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft

ottos mops klopft
otto: komm mops, komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott

Ernst Jandl

aus:

[Lebensalter]

Lebensalter

¿Lebensalter¿ C.H. Beck Verlag, 14,90€
Gedicht der Woche vom 02.11. bis 07.11.2015

Die Wiesen und der Wald sind fast nicht mehr sichtbar,
der Nebel verbirgt die Felder, wo vergessene Ernten
ihre Körner fallen lassen. Die Nachtsonne legt sich auf
eine honigfarbene Wolke.
Ihre Skeletthand hängt herab, und durch ihre Finger
Fließen die Wellen des Schattens. Am Waldrand bittet
Ein verirrter Jäger die Hirsche um ein Glas Wasser.
Alles ist so still.

Meret Oppenheim

Aus:

[Meret Oppenheim: Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich]

Meret Oppenheim: Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich

Gedicht der Woche vom 26.10. bis 31.10.15

Herbstweh

So still in den Feldern allen,
Der Garten ist lange verblüht,
Man hört nur flüsternd die Blätter fallen,
Die Erde schläfert- ich bin so müd.

Es schüttelt die welken Blätter der Wald,
Mich friert, ich bin schon alt,
Bald kommt der Winter und fällt der Schnee,
Bedeckt den Garten und mich und alles, alles Weh.

Joseph von Eichendorff

Aus:

[Joseph von Eichendorff: Gedichte]

Joseph von Eichendorff: Gedichte

Gedicht der Woche vom 19.10. bis 24.10.2015

Neuer Tag neue Nacht

es kommt
ein neuer Tag
eine neue Nacht

Wir reisen auf Schiffen
aus Träumen
in den Tag
in die Nacht

Rufen
hallo lieber Mond
guten Morgen liebe Sonne
gute Nacht liebe Nacht

Schenkt mir
eure wahren Märchen
schenkt mir
einen neuen Tag
eine neue Nacht

Rose Ausländer

Aus:

[Es kommt ein neuer Tag, eine neue Nacht]

Es kommt ein neuer Tag, eine neue Nacht

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Gedicht der Woche vom 12.10. bis 17.10.2015

Herbstgeruch

Wieder hat ein Sommer uns verlassen,
Starb dahin in einem Spätgewitter.
Regen rauscht geduldig, und im nassen
Walde duftet es so bang und bitter.

Herbstzeitlose starrt im Grase bläßlich
Und der Pilze wucherndes Gedränge.
Unser Tal, noch gestern unermeßlich
Weit und licht, verhüllt sich und wird enge.

Enge wird und duftet bang und bitter
Diese Welt, dem Lichte abgewendet.
Rüsten wir uns auf das Spätgewitter,
Das des Lebens Sommertraum beendet!

Hermann Hesse

Aus:

[Herbstgedichte]

Herbstgedichte

Gedicht der Woche vom 05. bis 17.10.2015

Herbstgeruch

Wieder hat ein Sommer uns verlassen,
Starb dahin in einem Spätgewitter.
Regen rauscht geduldig, und im nassen
Walde duftet es so bang und bitter.

Herbstzeitlose starrt im Grase bläßlich
Und der Pilze wucherndes Gedränge.
Unser Tal, noch gestern unermeßlich
Weit und licht, verhüllt sich und wird enge.

Enge wird und duftet bang und bitter
Diese Welt, dem Lichte abgewendet.
Rüsten wir uns auf das Spätgewitter,
Das des Lebens Sommertraum beendet!

Hermann Hesse

Aus:

[Herbstgedichte]

Herbstgedichte

Gedicht der Woche vom 28.09. bis 02.10.15

Pfützen

Pfützen spiegeln das Himmelslicht.
Sie haben ein helles Gesicht.

Meide ihre Mulden!
Tritt nicht in Lachen.
Wenn sie dich dreckig machen,
Ists dein Verschulden.

Pfützen sind Schicksal für manches Getier,
Sind aber für Kinder Seligkeiten.

Häufig werden sich zwei oder vier
Menschen um Pfützen streiten.

Joachim Ringelnatz

Aus:

[Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte]

Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte

Gedicht der Woche vom 21.09. bis 26.09.2015

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke

Aus:

[Rainer Maria Rilke: Die schönsten Gedichte]

Rainer Maria Rilke: Die schönsten Gedichte

Gedicht der Woche vom 14.09. bis 19.09.2015

Der Winzer

Es hat die Nacht geregnet,
Es zog noch grau ins Tal,
Und ruhten still gesegnet
Die Felder überall;
Von Lüften kaum gefächelt,
Durchs Ungewisse Blau
Die Sonne verschlafen lächelt
Wie eine wunderschöne Frau.

Nun sah ich auch sich heben
Aus Nebeln unser Haus,
Du dehntest zwischen den Reben
Dich von der Schwelle hinaus,
Da funkelt auf einmal vor Wonne
Der Strom und Wald und Au
Du bist mein Morgen, meine Sonne,
Meine liebe, verschlafene Frau!

Joseph von Eichendorff

Aus:

[Joseph von Eichendorff: Gedichte]

Joseph von Eichendorff: Gedichte

Gedicht der Woche vom 07.09. bis 12.09.2015

Take it easy!

Tehk it ih sie, sagen sie dir.
Noch dazu auf englisch.
Nimms auf die leichte Schulter!

Doch, du hast zwei.
Nimms auf die leichte.

Ich folgte diesem populären
Humanitären Imperativ.
Und wurde schief.
Weil es die andre Schulter
Auch noch gibt.

Man muss sich also leider doch bequemen,
Es manchmal auf die schwerere zu nehmen.

Mascha Kaléko

Aus:

[Mascha Kaleko: In meinen Träumen läutet es Sturm]

Mascha Kaleko: In meinen Träumen läutet es Sturm

Gedicht der Woche vom 31.08. bis 05.09.2015

Spätsommer

Noch einmal, ehe der Sommer verblüht,
Wollen wir für den Garten sorgen,
Die Blumen gießen, sie sind schon müd,
Bald welken sie ab, vielleicht schon morgen.

Noch einmal, ehe wieder die Welt
Irrsinnig wird und von Kriegen gellt,
Wollen wir an den paar schönen Dingen
Uns freuen und ihnen Lieder singen.

Hermann Hesse

aus:

Der Garten

Gedicht der Woche vom 24.08. bis 29.08.2015

Der Wanderer

Viel hätte nicht gefehlt,
er hätte aufgeschrien.
Da lag das Meer vor ihm,
auf das die Sonne schien.
Und fliegende Fische!

So lange unterwegs,
daß er zu träumen meint.
Da liegt das Meer vor ihm,
und eine Sonne scheint
und fliegende Fische.

Zu schön, um wahr zu sein,
er hat rasch kehrtgemacht.
Als er dann innehielt,
war Berg um ihn und Nacht.
Und heulende Hunde.

Robert Gernhardt

aus:

[Robert Gernhardt: Reim und Zeit]

Robert Gernhardt: Reim und Zeit

Gedicht vom 17.08. bis 22.08.15

Alter Wein

Warm preist ihr mir den alten Wein.
Wie meinen? Frag ich kalt.
Was soll das sein: Ein alter Wein?
Bei mir wird Wein nicht alt.

Bei mir ward manches alt und kalt:
Kopf, Rücken, Herz und Bein.
Es schwanden Schönheit und Gestalt.
Beim Wein muss das nicht sein.

Was immer auf der Flasche steht,
ob alt, ob jung der Wein:
Mit etwas gutem Willen geht
Beim Reinen alles rein.

Robert Gernhardt

[Robert Gernhardt: Reim und Zeit]

Robert Gernhardt: Reim und Zeit

Gedicht der Woche vom 10.08. bis 15.08.15

Dich

Dich nicht näher denken
und dich nicht weiter denken
dich denken wo du bist
weil du dort wirklich bist

Dich nicht älter denken
und dich nicht jünger denken
nicht größer nicht kleiner
nicht hitziger und nicht kälter

Dich denken und mich nach dir sehnen
dich sehen wollen
und dich liebhaben
so wie du wirklich bist

Erich Fried

[Erich Fried: Es ist was es ist]

Erich Fried: Es ist was es ist

Gedicht der Woche vom 03.08. bis 08.08.15

Der Schmetterling ist in die Rose verliebt

Der Schmetterling ist in die Rose verliebt,
Umflattert sie tausendmahl,
Ihn selber aber goldig zart,
Umflattert der liebende Sonnenstral.

Jedoch, in wen ist die Rose verliebt
Das wüßt ich gar zu gern.
Ist es die singende Nachtigall?
Ist es der schweigende Abendstern?

Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt;
Ich aber lieb euch all:
Rose, Schmetterling, Sonnenstral,
Abendstern und Nachtigall.

Heinrich Heine

Heinrich Heine: "So zärtlich, Herz an Herz"

Gedicht der Woche vom 27.07. bis 01.08.2015

Lektüre

Durch ein großes Tor
ziehn die Bücher in mich ein
sie zahlen etwas
bei ihrem Eintritt
sie geben etwas ab
bei meiner unsichtbaren Garderobiere

Das Theater
in das sie eintreten
ist dunkel
ich selber stehe am Eingang
die die ich liebe
ich weiß nicht wie sie herauskamen
kommen immer von neuem

Hilde Domin

Aus:

[Hilde Domin: Sämtliche Gedichte]

Hilde Domin: Sämtliche Gedichte

Gedicht der Woche vom 20.07. bis 25.07.2015

Sommernacht

Die Bäume tropfen vom Gewittergruß,
Im nassen Laub glänzt Mondlicht kühlvertraut,
Vom Tal herauf der unsichtbare Fluß
Tönt dunkel her mit ruhelosem Laut.

Jetzt im Gehöfte schlagen Hunde an ¿
O Sommernacht und halbverhangene Sterne,
Wie reißt es mir auf eurer bleichen Bahn
Das Herz hinaus in Reiserausch und Ferne!

Hermann Hesse

aus:

[Hermann Hesse: Das Lied des Lebens]

Hermann Hesse: Das Lied des Lebens

Gedicht der Woche vom 13.07. bis 19.07.2015

Schöner Abend

Ich ging den kleinen Weg, den oft begangenen,
und diesen Abend war er seltsam klar,
man sah ihn schon als einen herbstbefangenen,
obschon es mitten noch im Sommer war.

Die Himmelsblüte hatte weiße Dolden,
die Wolken blätterten das Blau herab,
auch arme Leute wurden golden,
was ihrem Antlitz Glück und Lächeln gab.

So auch in mir, - den immer graute
Früh her, verschlimmert Jahr um Jahr
Entstand ein Sein, das etwas blaute ¿
Und eine Stunde ohne Trauer war.

Gottfried Benn

aus:

[Gottfried Benn: Gedichte]

Gottfried Benn: Gedichte

Gedicht vom 06.07. bis 11.07.2015

Beschränkung

Weit spazieren
Mag ich nicht, der Tag ist warm,
und genieren
Soll mich nicht der Städter Schwarm.

Die Umbüschung
Meines Gartens beut mir Ruh,

Und Erfrischung
Haucht der Sommerwind mir zu.

Luft aus Süden
Bringt gedämpften Trommelklang,
Und im Frieden
Über mir schwebt Lerchensang.

Friedrich Rückert

aus:

[Schön ist mein Garten]

Schön ist mein Garten

Gedicht der Woche vom 29.06. bis 04.07.2015

Hörst du, wie die Brunnen rauschen?
Hörst du, wie die Grille zirpt?
Stille, stille, lass uns lauschen,
Selig, wer in Träumen stirbt;
Selig, wen die Wolken wiegen,
Wem der Mond ein Schlaflied singt!
O! Wie selig kann der fliegen,
Dem der Traum den Flügel schwingt,
Daß an blauer Himmelsdecke
Sterne er wie Blumen pflückt:
Schlafe, träume, flieg, ich wecke
Bald dich auf und bin beglückt.

Clemens Brentano

aus:

[O süßes Nichtstun]

O süßes Nichtstun

Gedicht der Woche vom 22.06. bis 27.06.15

Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
Und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
Betiteln mich Euer Gnaden.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
Mit Nasenflügelbeben
Ein ungeheurer Appetit
Nach Frühstück und nach Leben.

Joachim Ringelnatz

Aus:

[Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte]

Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte

Gedicht der Woche vom 15.06. bis 20.06.2015

Wie glücklich ist der Pessimist

Wie glücklich ist der Pessimist,
Wenn etwas schiefgegangen ist!
Und geht es aller Welt auch schlecht,
Ihm bleibt der Trost: Er hatte recht!
Ein Träger düstrer Unheilsbrillen,
Glaubt er nicht mal an ¿Freien Willen¿.

Doch gläubig sind die Optimisten,
Ob sie nun Moslems, Juden, Christen.
Und kommen sie einst alle heil
In Gottes Himmelsreich,
Dann sagt der Optimiste: Weil!
Der Pessimist: Obgleich!

Mascha Kaléko

Aus:

[Mascha Kaleko: In meinen Träumen läutet es Sturm]

Mascha Kaleko: In meinen Träumen läutet es Sturm

Gedicht der Woche vom 08.06. bis 13.06.2015

Glück

Solang du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
Und wäre alles Liebste dein.

Solange du um Verlornes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
Weißt du noch nicht, was Friede ist.

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,

Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht.

Hermann Hesse

Aus:

[Hermann Hesse: Das Lied des Lebens]

Hermann Hesse: Das Lied des Lebens

Gedicht der Woche vom 01.06. bis 06.06.2015

Auszeiten nehmen

Sich endlich einmal
Eine Auszeit gönnen,
allein sein dürfen,
keine Erwartungen erfüllen
und niemandem Rede
und Antwort
stehen müssen.
Endlich einmal
Zur Besinnung kommen,
den Sinnen wieder
neu nachspüren
und sich Zeit schenken -
kostbare Stunden
für die Auszeit der Seele.

Christa Spilling-Nöker

Aus:

[Christa Spilling-Nöker: Vom Segen des Sommers]

Christa Spilling-Nöker: Vom Segen des Sommers

Gedicht der Woche vom 25.05. bis 30.05.15

Sonne

Ich tat die Augen auf und sah das Helle,
Mein Leid verklang wie ein verhauchtes Wort.
Ein Meer von Licht drang flutend in die Zelle,
Das trug wie eine Welle mich hinfort.

Und Licht ergoß sich über jede Stelle,
Durchwachte Sorgen gingen leis zur Ruh.
Ich tat die Augen auf und sah das Helle,
Nun schließ ich sie so bald nicht wieder zu.

Mascha Kaléko

Aus:

[Mascha Kaleko: In meinen Träumen läutet es Sturm]

Mascha Kaleko: In meinen Träumen läutet es Sturm

Gedicht der Woche vom 18.05. bis 23.05.2015

Drei Brillen

Meine drei Brillen
immer da
wo sie nicht
hingehören

Es sollte so sein
dass sie einsatzbereit
auf dem Tisch liegen
für jede Entfernung
eine

Manchmal such ich herum
drei Brillen auf der Nase
wo ist der Tisch

Otto Jägersberg

aus:

[Otto Jägersberg: Keine zehn Pferde]

Otto Jägersberg: Keine zehn Pferde

Gedicht der Woche vom 11.05. bis 16.05.2015

Glück

Solang du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
Und wäre alles Liebste dein.

Solange du um Verlorenes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
Weißt du noch nicht, was Friede ist.

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,

Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht.

Hermann Hesse

aus:

[Hermann Hesse: Das Lied des Lebens]

Hermann Hesse: Das Lied des Lebens

Gedicht der Woche vom 04.05. bis 09.05.2015

Seid mir nur nicht gar so traurig
Seid mir nur nicht gar so traurig,
Daß die schöne Zeit entflieht,
Daß die Welle kühl und schaurig
Uns in ihre Wirbel zieht;

Daß des Herzens süße Regung,
Daß der Liebe Hochgenuß,
Jene himmlische Bewegung,
Sich zur Ruh begeben muß.

Laßt uns lieben, singen, trinken,
Und wir pfeifen auf die Zeit;
Selbst ein leises Augenwinken
Zuckt durch alle Ewigkeit.

Wilhelm Busch

aus:

[Ich bin so knallvergnügt]

Ich bin so knallvergnügt

Gedicht vom 27.04. bis 02.05.2015

Dich

Dich nicht näher denken
und dich nicht weiter denken
dich denken wo du bist
weil du dort wirklich bist

Dich nicht älter denken
und dich nicht jünger denken
nicht größer nicht kleiner
nicht hitziger und nicht kälter

Dich denken und mich nach dir sehnen
dich sehen wollen
und dich liebhaben
so wie du wirklich bist

Erich Fried

aus:

[Erich Fried: Liebesgedichte]

Erich Fried: Liebesgedichte

Gedicht der Woche vom 20.04. bis 25.04.15

Der Frühling

Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde,
Die Tage kommen blütenreich und milde,
Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen
Vom Himmel abwärts, wo die Tag entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten
Wie eine Pracht, wo sich Feste verbreiten,
Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,
So sind die Zeichen in er Welt, der Wunder viele

Scardanelli

aus:

[Frühling, ja du bists!]

Frühling, ja du bists!

Gedicht vom 13.04. bis 18.04.2015

Lied

Der Garten vor den Fenstern
ist nur ein Bild in Grün
für einen unbegrenztern,
darin wir beide blühn.

Was seine Sinne segnet,
auf denen Winter war:
das sonnt und sinnt und regnet
auch über unserm Jahr.

Der Garten hat Gebräuche,
ähnlich wie ich und du:
zwei steigende Gesträuche
blühen einander zu.

Rainer Maria Rilke

aus:

[Hermann Hesse: Frühling]

Hermann Hesse: Frühling

Gedicht vom 07.04. bis 11.04.2015

Einer liest einen Briefwechsel

Ach, so geht das Nacht für Nacht:
Eine schläft, einer wacht.

Einer liest, wie Jahr um Jahr
Schiller schlaf- und kraftlos war,

Indes Goethe, ungequält,
frisch von Hinz und Kunst erzählt.

Einer legt den dicken Band
Schließlich seufzend aus der Hand

Und erhofft vom Rest der Nacht:
Alles schläft, keiner wacht.

Robert Gernhardt

aus:

[Robert Gernhardt: Lichte Gedichte]

Robert Gernhardt: Lichte Gedichte

Gedicht der Woche vom 30.03. bis 04.04.2015

Frühlingsglaube

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß die Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Ludwig Uhland

aus:

Des Sommers letzte Rosen

Gedicht der Woche vom 23.03. bis 28.03.2015

Praktische Lebenskunst

Praktische Lebenskunst
besteht darin,
so viel Zeit wie möglich
in reinem Lebensgenuss
zu verbringen.

Hans Kruppa

aus:

Hans Kruppa: Das kleine Buch des großen Glücks

Gedicht der Woche vom 16.03. bis 21.03.2015

Vorfrühling

Durch schwarze Stämme geht der Blick
auf gleißend Grün, das hält zurück
ein Blühn.

Das Blühen schlummert noch. Doch ist
es bald soweit. Das Wann bemißt
die Zeit.

Die Zeit geht Tag und Nacht durchs Land
ganz unbemüht, und was sie bannt,
erblüht.

Robert Gernhardt

aus:

[Es riecht bereits nach Veilchen]

Es riecht bereits nach Veilchen

Gedicht der Woche vom 09.03. bis 14.03.2015

Schwarm

Da waren zwei Fische im Schwarm.
Es waren zwei von Millionen.
Sie fanden sich gut und hatten sich gern
Und wollten zusammen wohnen.
Doch in der Fische Riesenzahl
Verlor sich bald das Paar.
Ein Schwarmfisch trifft den anderen kaum
in großer Schwarmfischschar.
Nun kommt das Glück oft ungeplant,
das ist ein altes Gesetz.
Fünftausend gingen dem Fischermann Fritz
in Fischermanns Frischfischenetz.
Der Zufall zog den Suchenden gern
das große Los der Lose.
So liegen sie friedlich zum Abendbrot
gemeinsam im Öl in der Dose.

Schwarz & Baltscheit

aus:

[Martin Baltscheit, Christine Schwarz: Gans für dich]

Martin Baltscheit, Christine Schwarz: Gans für dich

Gedicht vom 02.03. bis 07.03.2015

Schenken
Schenke groß oder klein,
Aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten
Die Gaben wiegen,
Sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei,
Was in dir wohnt
An Meinung, Geschmack und Humor,
So daß die eigene Freude zuvor
Dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
Daß dein Geschenk
Du selber bist.

Joachim Ringelnatz

aus:

[Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte]

Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte

Gedicht der Woche vom 23.02. bis 28.02.2015

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Heinrich Heine

aus:

Jan-Christoph Hauschild: Heinrich Heine für Große und Kleine

Gedicht vom 16.02. bis 21.02.2015

Dämmerstunde

Im Nebenzimmer saßen ich und du;
Die Abendsonne fiel durch die Gardinen,
Die fleißigen Hände fügten sich der Ruh
Von rotem Licht war deine Stirn beschienen.

Wir schwiegen beid;ich wußte mir kein Wort,
Das in der Stunde Zauber mochte taugen;
Nur nebenan die Alten schwatzten fort -
Du sahst mich an mit deinen Märchenaugen.

Theodor Storm

aus:

[Rot - Farbe der Liebe]

Rot - Farbe der Liebe

Gedicht vom 09.02. bis 14.02.2015

Dass du mich liebst

Daß du mich liebst, das wußt ich,
Ich hatt es längst entdeckt;
Doch als du mir s gestanden
Hat es mich tief erschreckt.

Ich stieg wohl auf die Berge
Und jubelte und sang;
Ich ging ans Meer und weinte
Beim Sonnenuntergang

Mein Herz ist wie die Sonne
So flammend anzusehn,
Und in ein Meer von Liebe
Versinkt es groß und schön.

Heinrich Heine

Aus:

Heinrich Heine: "So zärtlich, Herz an Herz"

Gedicht vom 02.02. bis 07.05.2015

Der Mann im Mond

Der Mann im Mond hängt bunte Träume,
Die seine Mondfrau spinnt aus Licht,
Allnächtlich in die Abendbäume,
Mit einem Lächeln im Gesicht.

Da gibt es gelbe, rote, grüne
Und Träume ganz in Himmelblau.
Mit Gold durchwirkte, zarte, kühne,
Für Bub und Mädel, Mann und Frau.

Auch Träume, die auf Reisen führen
In Fernen, abenteuerlich.
Da hängen sie an Silberschnüren!
Und einer davon ist für dich.

Mascha Kaleko

aus:

[Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter]

Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter

Gedicht vom 26.01. bis 31.01.2015

Lebensabschnitt

Ich mache eine Amnestie
Aus herzlichem Verlangen.
Und sei auch du und sein auch Sie
Zu mir ganz unbefangen.

Das Leben ist ein Rutsch-Vorbei.
Nur das, was echt gewesen,
Nährt weiterhin. ¿ Ein Besen,
Zu wild geschwenkt, schlägt viel entzwei.

Seid gut zu mir und macht Radau,
Verzeihend und aus Reue!
Wollt ihr? Wer reist aufs neue
Mit mir uns Himmelblau?

Joachim Ringelnatz

aus:

[Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte]

Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte

Gedicht vom 19.01. bis 24.01.2015

Einer liest einen Briefwechsel

Ach, so geht das Nacht für Nacht:
Eine schläft, einer wacht.

Einer liest, wie Jahr um Jahr
Schiller schlaf- und kraftlos war,

Indes Goethe, ungequält,
frisch von Hinz und Kunz erzählt.

Einer legt den dicken Band
schließlich seufzend aus der Hand

Und erhofft vom Rest der Nacht:
Alles schläft, keiner wacht.

Robert Gernhardt

aus:

[Robert Gernhardt: Lichte Gedichte]

Robert Gernhardt: Lichte Gedichte

Gedicht der Woche vom 12.01. bis 18.01.2015

Kluge Sterne

Die Blumen erreicht der Fuß so leicht,
Auch werden zertreten die meisten;
Man geht vorbei und tritt entzwei
Die blöden wie die dreisten.

Die Perlen ruhn in Meeresruhn,
Doch weiß man sie aufzuspüren;
Man bohrt ein Loch und spannt sie ins Joch,
Ins Joch von seidenen Schnüren.

Die Sterne sind klug, sie halten mit Fug
Von unserer Erde sich ferne;
Am Himmelszelt, als Lichter der Welt,
Stehn ewig sicher die Sterne.

Heinrich Heine

aus:

Jan-Christoph Hauschild: Heinrich Heine für Große und Kleine

<p>
Gedicht der Woche vom 05.01. bis 10.01.2015

Die Korfsche Uhr

Korf erfindet eine Uhr,
die mit zwei Paar Zeigern kreist,
und damit nach vorn nicht nur,
sondern auch nach rückwärts weist.

Zeigt sie zwei, -somit auch zehn;
Zeigt sie drei, -somit auch neun;
und man braucht nur hinzusehn,
um die Zeit nicht mehr zu scheun.

Denn auf dieser Uhr von Korfen,
mit dem janushaften Lauf,
(dazu ward sie so entworfen):
hebt die Zeit sich selber auf.

Christian Morgenstern

aus:

[O süßes Nichtstun]

O süßes Nichtstun

Gedicht der Woche vom 29.12.14 bis 03.01.15

Wetterlage am See

Hochdruck an Weihnachten
gefolgt von einer Tiefdruckrinne
nach dem Fest.
Bodennebel verhüllen die Sicht
auf Künftiges.
Reif fällt auf die letzten Tage
des Jahres.
Schau ich genauer hin
finde ich Sterne unter den Eisblumen.
Über dem Nebel
ahne ich Licht.
Manchmal dringt es durch
und klar zeichnen sich ab
die Ufer jenseits.

Erich Puchta

aus:

Weihnachtsgedichte

Gedicht der Woche vom 22.12. bis 27.12.14

Vom Christkind

Denkt euch ¿ ich habe das Christkind gesehn!
Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee,
mit gefrorenem Näschen.
Die kleinen Hände taten ihm weh;
denn es trug einen Sack, der war gar schwer,
schleppte und polterte hinter ihm her -
Was drin war, möchtet ihr wissen?
Ihr Naseweise, ihr Schelmenpack -
meint ihr, er wäre offen, der Sack?
Zugebunden bis oben hin!
Doch war gewiss was Schönes drin:
Es roch so nach Äpfeln und Nüssen!

Anna Ritter

aus:

[Gedichte zur Weihnacht]

Gedichte zur Weihnacht

Gedicht der Woche vom 15.12. bis 20.12.14

Advent

Alles ist weicher
Schritte, Worte und Lichter.
Immer mehr fremde Gesichter
schimmern jünger und rein.
Alles wird wärmer:
Hände und Herzen und Augen.
Manch verirrtes Vertrauen
findet noch einmal heim.
All unsre Zartheit
sucht zum einsamen Andern.
Aller Gedanken, die wandern,
sind bereit, zu verzeihn.
All unser Sehnen
bittet um Frieden zum Feste.
Bauet ihm nicht nur Paläste -
schenkt ihm sein Heim!

Georg Büsing

aus:

[Gedichte zur Weihnacht]

Gedichte zur Weihnacht

Gedicht vom 08.12. bis 13.12.2014

Advent

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt
und manche Tanne ahnt wie balde
sie fromm und lichterheilig wird.
Und lauscht hinaus: den weißen Wegen
streckt sie die Zweige hin - bereit
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.

Rainer Maria Rilke

aus:

Weihnachtspost - 24 Briefe & Gedichte, Adventskalender

Gedicht der Woche vom 01.12. bis 06.12.2014

Advent

Der Frost haucht zarte Häkelspitzen
Perlmuttgrau ans Scheibenglas.
Da blühn bis an die Fensterritzen
Eisblumen, Sterne, Farn und Gras.
Kristalle schaukeln von den Bäumen,
Die letzten Vögel sind entflohn.
Leis fällt der Schnee - In unsern Träumen
Weihnachtet es seit gestern schon.

Mascha Kaléko

aus:

Günter Stolzenberger: Das Winterlesebuch

<p>
Gedicht der Woche vom 24.11. bis 29.11.2014

Herbst

Der Herbst schert hurtig Berg und Tal
Mit kalter Schere ratzekahl.
Der Vogel reist nach warmer Ferne;
Wir folgten ihm so gerne.

Das Laub ist gelb und welk geworden,
Grün blieb nur Fichte noch und Tann.
Huhu! Schon meldet sich im Norden
Der Winter mit dem Weihnachtsmann.

Joachim Ringelnatz

aus:

[Wenn die Blätter treiben]

Wenn die Blätter treiben

Gedicht vom 17.11. bis 22.11.2014

Hab Dank, du lieber Wind!

Ich bin in den Garten gegangen
Und mag nicht wieder hinaus.
Die goldigen Äpfel prangen
Mit ihren roten Wangen
Und laden ein zum Schmaus.

Wie ist es anzufangen?
Sie sind mir zu hoch und fern.
Ich sehe sie hangen und prangen
Und kann sie nicht erlangen
Und hätte doch einen gern!

Da kommt der Wind aus dem Westen
Und schüttelt den Baum geschwind
Und weht herab von den Ästen
Den allerschönsten und besten -
Hab Dank, du lieber Wind!

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

aus:

[Schön ist mein Garten]

Schön ist mein Garten

Gedicht vom 10.11. bis 15.11.2014

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so ein Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht -
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Georg Trakl

aus:

[Schön ist mein Garten]

Schön ist mein Garten

Gedicht vom 03.11. bis 08.11.2014

Im Herbst

Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst, der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
So manches feine Festgewand.

Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Wind sie zum leichten Spiel,
Sie ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewusst bestimmte Ziel.

Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu in Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.

Wilhelm Busch

aus:

[Wenn die Blätter treiben]

Wenn die Blätter treiben

Gedicht der Woche vom 27.10. bis 01.11.14

Logik

Die Nacht war kalt und sternenklar,
Da trieb im Meer bei Norderney
Ein Suahelischnurrbarthaar.
Die nächste Schiffsuhr wies auf drei.

Mir scheint da mancherlei nicht klar,
Man fragt doch, wenn man Logik hat,
Was sucht ein Suahelihaar
Denn nachts um drei am Kattegatt?

Joachim Ringelnatz

aus:

[Joachim Ringelnatz: Warten auf den Bumerang]

Joachim Ringelnatz: Warten auf den Bumerang

Gedicht der Woche vom 20.10. bis 25.10.2014

Herbst

Die Blätter fallen, fallen von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke

aus:

[Rainer Maria Rilke: In einem fremden Park]

Rainer Maria Rilke: In einem fremden Park

Gedicht der Woche vom 13.10. bis 18.10.2014

Gefunden

Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein:
¿Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?¿

Ich grubs mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ichs
Am hübschen Haus.

Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.

Johann Wolfgang von Goethe

aus:

[Johann Wolfgang von Goethe: Goethes schönste Gedichte]

Johann Wolfgang von Goethe: Goethes schönste Gedichte

Gedicht der Woche vom 06.10. bis 11.10.14

Bumerang

War einmal ein Bumerang;
War ein weniges zu lang.
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum ¿ noch stundenlang-
Wartete auf Bumerang.

Joachim Ringelnatz

aus:

[Joachim Ringelnatz: Warten auf den Bumerang]

Joachim Ringelnatz: Warten auf den Bumerang

»
Gedicht der Woche vom 29.09. bis 04.10.14

Herbsttag

HERR: es ist Zeit: Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke

aus:

[Rainer Maria Rilke: In einem fremden Park]

Rainer Maria Rilke: In einem fremden Park

Gedicht der Woche vom 22.09. bis 27.09.2014

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
die Ähren wogten sacht,
es rauschten leis die Wälder
so sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.

Joseph von Eichendorff

aus:

Gedichtekalender Kleiner Bruder 2015

Gedicht der Woche vom 15.09. bis 20.09.14

Astern

Astern ¿ schwälende Tage,
alte Beschwörung, Bann,
die Götter halten die Waage
eine zögernde Stunde an.

Noch einmal die goldenen Herden
der Himmel, das Licht, der Flor,
was brütet das alte Werden
unter den sterbenden Flügeln hervor?

Noch einmal das Ersehnte,
den Rausch, der Rosen Du -
der Sommer stand und lehnte
und sah den Schwalben zu,

noch einmal ein Vermuten,
wo längst Gewissheit wacht:
die Schwalben streifen die Fluten
und trinken Fahrt und Nacht.

Gottfried Benn

aus:

Des Sommers letzte Rosen

Gedicht der Woche vom 08.09. bis 13.09.2014

Glückes genug

Wenn sanft du mir im Arme schliefst,
ich deinen Atem hören konnte,
im Traum du meinen Namen riefst,
um deinen Mund ein Lächeln sonnte -
Glückes genug.

Und wenn nach heißem, ernstem Tag
Du mir verscheuchtest schwere Sorgen,
wenn ich an deinem Herzen lag
und nicht mehr dachte an ein Morgen -
Glückes genug.

Detlev von Liliencron

aus:

Gedichtekalender Kleiner Bruder 2015

Gedicht der Woche vom 25. bis 30.08.14

Großvater

Nichts weiß ich vom
Großvater Scharfschütze
sei er im Krieg gewesen

Einmal zeigte er auf
einen Haubentaucher im Zoo
und sagte Peng

Hinterlassen hat er
ein Spanholzschächtelchen

darin einen Fadenzähler und
ein winziges Stück Gold

eingewickelt in ein
Strafmandat (Leipzig 1947)

Matthias Kehle

aus:

Matthias Kehle: Scherbenballett

»
Gedicht der Woche vom 18.08. bis 23.08.14

Die Erfindung deiner Anwesenheit

sehe dich auf alten Fotos
kann dich googeln

finde Artikel
nichts geht verloren

niemand kennt deine Adresse
du wohnst dort

wo meine vorstellungen
sich überschlagen

dort wo du bist
kann ich alles erfinden

Eva Christina Zeller

aus:

Eva Christina Zeller: Die Erfindung deiner Anwesenheit

Gedicht der Woche vom 11.08. bis 16.08.14

am anfang

am anfang
das wort
aber noch kein ohr
da schufst du dir
schall
raum
und gehör

die welt war
ausgesprochen
gut

Thomas Weiß

aus:

[Thomas Weiß: von weit]

Thomas Weiß: von weit

Gedicht der Woche vom 04.08. bis 09.08.2014

Kartonagen

Es braucht so wenig,
fast nichts, und das Fastnichts
ist nicht mehr als ein sperriger Karton,
in dem die Gefriertruhe angeliefert wurde.
Mit dem gezackten Brotmesser
Fensterläden ausgeschnitten und ein Türeck,
durch das der Vierjährige hindurchpaßt.
Eine Schutzhütte jetzt
auf dem Weg vom Bett zum Schrank.
Die Herzkammer des Zimmers,
ein Rückzugsort.
Polarstation, Kajüte, Einsiedlerhöhle, Basislager.
Als Lichtquelle baumelt die Taschenlampe
am durchgezogenen Bindfaden.
Die Chipsvorräte reichen bis morgen,
und Morgen und Abend
sind die Ufer
des Tages.

Walle Sayer

aus:

[Walle Sayer: Strohhalm, Stützbalken]

Walle Sayer: Strohhalm, Stützbalken

Gedicht vom 28.07. bis 02.08.2014

Lob der Faulheit

Faulheit, jetzt will ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen.-
O - - wie - - sau - - er - - wird es mir, - -
Dich - - nach Würden - - zu besingen!
Doch, ich will mein Bestes tun,
Nach der Arbeit ist gut ruhn.

Höchstes Gut! Wer dich nur hat,
Dessen ungestörtes Leben - -
Ach! - - ich - - gähn - - ich - - werde matt - -
Nun - - so - - magst du - - mirs vergeben,
Daß ich dich nicht singen kann;
Du verhinderst mich ja dran.

Gotthold Ephraim Lessing

aus:

[O süßes Nichtstun]

O süßes Nichtstun

Gedicht der Woche vom 21.07. bis 26.07.14

Sommerfrische

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in die Fülle der Gräser.
Weils wohltut, weils frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und lass deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.

Joachim Ringelnatz

aus:

[Joachim Ringelnatz: Zupf dir ein Wölkchen]

Joachim Ringelnatz: Zupf dir ein Wölkchen

<p>
Gedicht vom 14.07. bis 19.07.14

Der Duft der Rose

Der Duft der Rose
nimmt dich in einen süßen Bann,
rührt dich liebkosend leise
wie eine Liederweise
mit Ahnung voller Schönheit an,
ist ohne Gleichnis rein und zart:
du kannst es nicht ermessen,
fühlst nur ein süß Vergessen
und eine süße Gegenwart.

Hermann Hesse

aus:

Gudrun Bull: Gedichte für einen Sommertag

Gedicht der Woche vom 07. bis 12.07.14

Für Einen

Die Andern sind das weite Meer.
Du aber bist der Hafen.
So glaube mir: kannst ruhig schlafen,
Ich steure immer wieder her.

Denn all die Stürme, die mich trafen,
Sie ließen meine Segel leer.
Die Andern sind das bunte Meer,
Du aber bist der Hafen.

Du bist der Leuchtturm. Letztes Ziel.
Kannst, Liebster, ruhig schlafen.
Die Andern... das ist Wellen-Spiel,

Du aber bist der Hafen.

Mascha Kaléko

aus:

[»Seit heute, aber für immer«]

»Seit heute, aber für immer«

Gedicht vom 30.06. bis 05.07.2014

Butterblumengelbe Wiesen

Butterblumengelbe Wiesen,
sauerampferrot getönt,
o du überreiches Sprießen,
wie das Aug dich nie gewöhnt!

Wohlgesangdurchschwellte Bäume,
wunderblütenschneebereift-
ja, fürwahr, ihr zeigt uns Träume,
wie die Brust sie kaum begreift.

Christian Morgenstern

aus:

[Lieber Löwenzahn]

Lieber Löwenzahn

Gedicht der Woche vom 23.06. bis 28.06.14

Leicht fallen

Selten ein Tag wie heute
die Luft ohne Geister
die Bäume auch
selbst das Gebüsch

Einfach ins Gras fallen

Keine Angst
untergründige Angst
vor allem
heute nicht
die Angst
vor dem was vor uns war
und nach uns kommen wird
Einfach ins Gras fallen
zwischen all das Getier

Tanja Dückers

aus:

[Tanja Dückers: Fundbüros und Verstecke]

Tanja Dückers: Fundbüros und Verstecke

Gedicht der Woche vom 16.06. bis 21.06.14

Klingeltöne

Amsel in den Beerenbäumen
Singt nur Klingeltöne nach dem Park,
Kinder, angerufen unter Bäumen.

Abends regnet es im Park.
Alles jagt nach Haus mit Vogelaugen,
blinkt die Lichttram durch den Park.

Müde schließ die Bildschirmaugen.
Wie die Sterne spielen, schau,
Kind mit deinen Augen

Mirko Bonné

aus:

[Mirko Bonné: Traklpark]

Mirko Bonné: Traklpark

Gedicht der Woche vom 09.06. bis 14.06.14

Flüsternde Dörfer

Obwohl unsere Städte ständig versuchen
uns den Himmel vertrauter zu machen
indem sie Aussichtspunkte
Balkone Terrassen bereitstellen
Obwohl sie behaupten man sehe von oben
Den womöglich zärtlichsten
Punkt im All
Eine übergroße Murmel mit blauem Zentrum
und sie uns Treppen und Aufzüge hochlocken
uns die Sicherheiten zeigen
Geländer und Netze
die Schönheit
der Leuchtreklamen
Laster so klein dass wir uns selber
riesig vorkommen
Obwohl wir vom Lärm da unten
fast schon betört sind
hören wir manchmal das Flüstern der Dörfer
und manchmal glauben wir etwas davon
und springen
wie Superman

Silke Scheuermann

aus:

[Silke Scheuermann: Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen]

Silke Scheuermann: Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen

Gedicht der Woche vom 02.06. bis 07.06.2014

Lösung

Im Traum
nicht einmal mehr
suche ich
mein verlorenes Paradies
bei dir

ich erfinde es
besser allein
für mich

In Wirklichkeit
will ich
einfach nur leben
mit dir so gut
es geht

Karin Kiwus

aus:

[Karin Kiwus: Das Gesicht der Welt]

Karin Kiwus: Das Gesicht der Welt

Gedicht der Woche vom 26.05. bis 31.05.2014

Ikarus

Der Sommer dampfte in den Sträuchern,
es hatte Stachelbeeren geregnet sowie
ein Nest voll Mauersegler. Wir bissen
in die grünen Beerenlampions
und sprachen über kältere Zeiten.
In den Teelichtern verzischten Falter.
Ein Segler kroch die Wand hinauf,
grau und zerrauft. Er wär wohl gern
nicht mehr gesegelt, doch konnte er es
nicht abbekommen von dem Körper,
der er war. Dann kam November.
Der Sommer hielt dagegen an.

Nora Bossong

aus:

[Nora Bossong: Sommer vor den Mauern]

Nora Bossong: Sommer vor den Mauern

*Gedicht der Woche vom 19.05. bis 24.05.14*

*Geteiltes Leid*

Ein Leiden ist schon halb geheilt,
Hat man es andern mitgeteilt:
¿Und dieses Drücken, links im Bauch?¿ ¿
Der andere jubelt: ¿Hab ich auch!¿
¿Und oft im Kreuze so ein Stich?¿
¿Genau wie ich, genau wie ich!¿
Wir sprechen bildlich: die zwei Därme
Gerührt sich fallen in die Ärme.
Im Fasching selbst und in Kostümen
Die Menschen sich der Leiden rühmen
Und steigern sich zu Ballgesprächen,
Dass sie sich manchmal stark erbrächen.
So leidgeteilt und lustgedoppelt.
Hat sich schon manches Paar verkoppelt
Zu einer Ehe gut und still ¿
Denn Armors Pfeil trifft wo er will.

Eugen Roth

aus:

[Eugen Roth: Alle Rezepte vom Wunderdoktor 2008]

Eugen Roth: Alle Rezepte vom Wunderdoktor 2008

Gedicht der Woche vom 12.05. bis 17.05.14

Es war einmal ein Bär
Der fand er sei zu schwer.

Er nahm sich vor zu fasten
Und ging zum Vorratskasten.

Er brummte: ¿Das muss weg
Sonst hat es keinen Zweck.¿

Es schmeckt ihm alles sehr.
Jetzt wiegt er etwas mehr.

Franz Hohler

aus:

[Franz Hohler: Es war einmal ein Igel]

Franz Hohler: Es war einmal ein Igel

Gedicht der Woche vom 05.05. bis 10.05.14

Geborgenheit

Wieder die frisch vorbereiteten Nudeln, geknetet,
dünn ausgerollt, ein Wunder aus Mehl und Salz.
In der Trockenheit sehen sie bald wie geröstet aus.
Zergehen später auf der Zunge, mit Tomaten und Bärlauch,
in Erinnerung an ein altes, italienisches Rezept
während einer Grippe im Mai.
Ist es das, was die Familie um den Tisch versammelt?
Vielleicht auch der Sonntag, das Wetter, irgendwelche Träume.

Beim Einschlafen schreibe ich die wichtigsten Briefe,
morgens werden sie mit den Kopfkissenbezügen gewaschen,
gelangen durch das Grundwasser in den Himmel und regnen
genau an den Orten aus, für die sie gedacht waren.
Ist es das, was Freunde verbindet?

Tzveta Sofornieva

aus:

[Tzveta Sofronieva: Landschaften, Ufer]

Tzveta Sofronieva: Landschaften, Ufer

Gedicht vom 28.04. bis 03.05.14

Falsche Erziehung

Ein Mensch lernt in der Kinderzeit,
Des Lasters Straßen seien breit,
Jedoch der Tugend Pfade schmal
In diesem irdischen Jammertal.
Der Mensch, bei seinem Erdenwandern,
Geht einen Holzweg nach dem andern,
Weil er auf Straßen breit gebaut,
Sich einfach nicht mehr gehen traut.

Eugen Roth

aus:

[Eugen Roth: Sämtliche Menschen]

Eugen Roth: Sämtliche Menschen

Gedicht vom 21.04. bis 25.04.14

Die Made

Hinter eines Baumes Rinde
wohnt die Made mit dem Kinde.
Sie ist Witwe, denn der Gatte,
den sie hatte, fiel vom Blatte.
Diente so auf diese Weise
einer Ameise als Speise.

Eines Morgens sprach die Made:
¿Liebes Kind, ich sehe grade,
drüben gibt es frischen Kohl,
den ich hol. So leb denn wohl!
Halt, noch eins! Denk, was geschah,
geh nicht aus, denk an Papa!¿

Also sprach sie und entwich.-
Made junior aber schlich
hinterdrein; und das war schlecht!
Denn schon kam ein bunter Specht
und verschlang die kleine fade Made ohne Gnade. Schade!

Hinter eines Baumes Rinde
ruft die Made nach dem Kinde...

Heinz Erhardt

aus:

Reclams großes Buch der deutschen Gedichte

Gedicht vom 14.04. bis 19.04.2014

Frühlingsgedicht

Alle Tiere kommen aus den Fabeln zurück
Unterm Dach macht mir ein Uhu Kopfzerbrechen
Marder tanzen im Visier.
Im Apfelbaum sitzt eine Amsel, sie weiß:
dies ist ihr Jahr.
Liebe Amsel, weißt du dass du auf meinem
Apfelbaum sitzt?
Schon gut ¿ mein Traum, in dem ich dich ansehe
ist so verzweigt wie der Apfelbaum
und du schwingst darin und die Zweige
schwingen wie Flügel.
Ich will dich nicht haben, ich will dich nur sehn
und du sollst wiederkommen jedes Jahr
mit demselben Traum.

Nicolas Born

aus:

Reclams großes Buch der deutschen Gedichte

Gedicht vom 07.04. bis 12.04.2014

Ich denke ein paar Jahr zurück
Es war April bei Morgenhelle
Des Jahres Liebeaugenblick
Da sang aus voller Manneskehle
Ich meine Liebe und mein Glück

Guillaume Apollinaire

aus:

[Guillaume Apollinaire: Liebesgedichte]

Guillaume Apollinaire: Liebesgedichte

Gedicht der Woche vom 31.03. bis 06.04.14

Ein roter Blumenstrauß

In meinen dunkeln Gartengründen
Entzünden sich die roten Tulpen.
Die Hunde am Gitter wittern dein Kommen.

Du wirst meine bittern Tage
In stille Totenurnen schließen,
Mein Garten wird überfließen von deinem Lachen.

Komme, die roten Tulpen wachen und warten.

Max Dauthendey

aus:

[Rote Gedichte]

Rote Gedichte

Gedicht der Woche vom 24.03. bis 29.03.14

Der Mann im Mond

Der Mann im Mond hängt bunte Träume,
Die seine Mondfrau spinnt aus Licht,
Allnächtlich in die Abendbäume,
Mit einem Lächeln im Gesicht.
Da gibt es gelbe, rote, grüne
Und Träume ganz in Himmelblau.
Mit Gold durchwirkte, zarte, kühne,
Für Bub und Mädel, Mann und Frau.
Auch Träume, die auf Reisen führen
In Fernen, abenteuerlich.
Da hängen sie an Silberschnüren!
Und einer davon ist für dich.

Mascha Kaléko

aus:

[Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter]

Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter

Gedicht vom 17.03. bis 22.03.14

Das Schlüsselloch

Das Schlüsselloch, das im Haustor sass,
erlaubte sich nachts einen Spaß.
Es nahten Studenten
mit Schlüsseln in Händen.
Da dachte sich das listige Schlüsselloch:
Ich will mich verstecken,
um sie zu necken!
Worauf es sich wirklich seitwärts verkroch.
Alsbald nun tasteten die Studenten
suchend,
fluchend,
mit Händen
an Wänden
und weil sie nichts fanden, zogen sie weiter.
Schlüsselloch lachte heiter.

Joachim Ringelnatz

aus:

[Joachim Ringelnatz: Zupf dir ein Wölkchen]

Joachim Ringelnatz: Zupf dir ein Wölkchen

Gedicht der Woche vom 10.03. bis 15.03.14

Das, worauf es im Leben
ankommt, können wir
nicht voraussehen.
Die schönste Freude erlebt
man immer da, wo man sie
am wenigsten erwartet.

Antoine de Saint-Exupéry

aus:

Antoine de Saint-Exupèry: Man sieht nur mit dem Herzen gut

Gedicht vom 03.03. bis 08.03.14

Vorfrühling

Wie die Knospe hütend
Dass sie nicht Blume werde,
Liegts so dumpf und brütend
Über der drängenden Erde.

Wolkenmassen ballten
Sich der Sonne entgegen,
Doch durch tausend Spalten
Dringt der befruchtende Segen.

Glühende Düfte ringeln
In die Höhe sich munter.
Flüchtig grüßend, züngeln
Streifende Lichter herunter.

Dass nun, still erfrischend,
Eins zum andern sich finde,
Rühren, alles mischend,
Sich lebendige Winde.

Friedrich Hebbel

aus:

[Es riecht bereits nach Veilchen]

Es riecht bereits nach Veilchen

*Gedicht der Woche vom 24.02. bis 01.03.14

Dachschaden

Hört! Das muss ich euch berichten:
Heute wollte ich was dichten.
Hab um jedes Wort gerungen,
doch es ist mir nichts gelungen.

Erst nach zwei, drei schweren Stunden
hab ich einen Reim gefunden:
Regentropfen klopfend tropfen,
tropfend klopfen Regentropfen.

Und der Regentropfenton
raubt mir die Kon - zen - tration...
Ende! Schluss! So geht das nicht.
Ich glaub, mein Dach ist nicht ganz dicht!

Heinz Brand

aus:

[Glücksvogel]

Glücksvogel

Gedicht vom 17.02. bis 22.02.14

Wasserperlen

Wasserperlen im ersten Morgenlicht
durchschimmern meine Fenster.
Ich seh.
Und sehe nicht.

Und durch die Wasserperlen
zieht leis ein altes Boot
mit einem weiten Segel
von tiefem Morgenrot.
In einer weißen Wolke
verbirgst du dein Gesicht.
Ich seh.
Und sehe nicht.

aus:

[Ute Elisabeth Mordhorst: Pflücke den Tag]

Ute Elisabeth Mordhorst: Pflücke den Tag

Gedicht vom 10.02. bis 15.02.14

Die Drei Spatzen

In einem leeren Haselstrauch
da sitzen drei Spatzen, Bauch an Bauch.

Der Erich rechts und links der Franz
und mitten drin der freche Hans.

Sie haben die Augen zu, ganz zu,
und obendrüber da schneit es, hu!

Sie rücken zusammen dicht an dicht.
So warm wie Hans hats niemand nicht.
Sie hörn alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

Christian Morgenstern

aus:

Christian Morgenstern: Christian Morgenstern für Große und Kleine

*Gedicht vom 03.02. bis 08.02.14

Suche die Stille.
Wer sich wandeln will,
wer reifen und wachsen möchte,
der braucht den Raum der Ruhe.
¿Was wächst, macht nicht viel Lärm¿,
sagt ein Sprichwort. Was neu
geboren werden will, braucht
den Schutz der Stille.

Anselm Grün

aus:

Wahre Kraft liegt in der Ruhe

Gedicht vom 27.01. bis 01.02.14

Glück

Glück ist
Wenn man sich
satt essen kann,
sagt die Raupe Nimmersatt.

Sie isst, isst, isst
und verwandelt sich
in einen Schmetterling.

Nina Neumann

aus:

[Glücksvogel]

Glücksvogel

Gedicht vom 20.01. bis zum 25.01.14

Schenken

Schenke groß oder klein,
Aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten
Die Gaben wiegen,
Sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei,
Was in dir wohnt
An Meinung, Geschmack und Humor,
So dass die eigene Freude zuvor
Dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
Dass dein Geschenk
Du selber bist.

Joachim Ringelnatz

aus:

[Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte]

Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte

Gedicht der Woche vom 13.01. bis 18.01.14

Jede Blüte will zur Frucht,
Jeder Morgen Abend werden,
Ewiges ist nicht auf Erden
Als der Wandel, als die Flucht.

Auch der schönste Sommer will
Einmal Herbst und Welke spüren.
Halte, Blatt, geduldig still,
Wenn der Wind dich will entführen.

Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,
Lass es still geschehen.
Lass vom Winde, der dich bricht,
Dich nach Hause wehen.

Hermann Hesse

aus:

[Hermann Hesse: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne]

Hermann Hesse: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Gedicht vom 06.01. bis 11.01.14

Parabase

Freudig war, vor vielen Jahren,
eifrig so der Geist bestrebt,
zu erforschen, zu erfahren,
wie Natur im Schaffen lebt.
Und es ist das ewig Eine,
das sich vielfach offenbart:
Klein das Große, groß das Kleine,
alles nach der eignen Art;
immer wechselnd, fest sich haltend,
nah und fern und fern und nah,
so gestaltend, umgestaltend ¿
zum Erstaunen bin ich da.

J. W. von Goethe

aus: ¿Man lebt nur einmal auf der Welt¿, Verlag: Coppenrath, 2,50€
Gedicht vom 30.12.13 bis 04.01.14

Neujahrsnachtfahrt

Wenn du nachts in ein Auto steigst,
Und dir ist bang und winterlich zu Mut,
Und du dem Chauffeur die Richtung zeigst
Und sagst: Sie fahren gut.

Wenn du so den Kopf des Wagenlenkers lenkst,
Dass er es gar nicht gewahrt,
Wie du traurig bist und an Sterben denkst,
Das ist nächtliche Fahrt.

Draußen leuchtet Volk und lacht und schießt.
Mitlächelnd denkst du fremdwärts still
An etwas, was du vom Flugzeug aus siehst,
An ein Flüsschen, das unter dir weit fließt
Sohin, dorthin, wo es muss - nicht will.

Joachim Ringelnatz

aus:

Fliegende Wörter 2014. Postkartenkalender

Gedicht zum 23.12. bis 28.12.13

Kommt Zeit, kommt Rat

Wer will denn alles gleich ergründen
Sobald der Schnee schmilzt, wird sichs finden.

Hier hilft nun weiter kein Bemühn
Sinds Rosen, nun, sie werden blühn.

Johann Wolfgang Goethe

aus:

[Weihnachtszauber Winternacht]

Weihnachtszauber Winternacht

Adventsgedicht zum 4. Advent

Vier Kerzen

Eine Kerze für den Frieden,
die wir brauchen,
weil der Streit nicht ruht.
Für den Tag voll Traurigkeiten
eine Kerze für den Mut.
Eine Kerze für die Hoffnung
gegen Angst und Herzensnot,
wenn Verzagtsein unsren Glauben
heimlich zu erschüttern droht.
Eine Kerze, die noch bliebe
als die wichtigste der Welt:
eine Kerze für die Liebe,
voller Demut aufgestellt,
dass ihr Leuchten den Verirrten
für den Rückweg ja nicht fehlt,
weil am Ende nur die Liebe
für den Menschen wirklich zählt.

Elli Michler

aus:

[Elli Michler: Was du brauchst, ist Zuversicht. CD]

Elli Michler: Was du brauchst, ist Zuversicht. CD

Gedicht vom 11.11. bis 16.11.2013

Weg

Mit dem Monde will ich wandeln:
Schlangenwege über Berge
führen Träume, bringen Schritte
durch den Wald dem Monde zu

Durch Zypressen staunt er plötzlich,
dass ich ihm entgegengeh.
Aus dem Ölbaum blaut er lächelnd,
wenn michs friedlich talwärts zieht.

Schlangenwege durch die Wälder
bringen mich zum Silbersee:
nur ein Nachen auf dem Wasser
heilig oben unser Mond.

Schlangenwege durch die Wälder
führen mich zu einem Berg.
Oben steht der Mond und wartet
und ich steige leicht empor.

Theodor Däubler

aus:

Der ewige Brunnen. Jubiläumsausgabe

Der ewige Brunnen ist die berühmteste Sammlung deutscher Gedichte. Auf rund 1100 Seiten sind mehr als 1600 Gedichte aus acht Jahrhunderten zusammengestellt. Die Jubiläumsausgabe wurde von Albert von Schirnding überarbeitet und durch Gedichte aus den letzten fünfzig Jahren erweitert. So ist dieses äHausbuch deutscher Dichtungô jetzt aktualisiert und auf den neuesten Stand gebracht.<br />Mit seiner Gedichtsammlung Der ewige Brunnen. Ein Hausbuch deutscher Dichtung hat Ludwig Reiners vor fünfzig Jahren ein Werk zusammengestellt, das inzwischen selbst zum Klassiker geworden ist. Für Millionen Leserinnen und Leser wurde dieses Buch zum Ort der Begegnung mit der deutschen Dichtkunst. Es ist ein schier unerschöpfliches Lesebuch und für viele ein Erbauungsbuch. Für jeden Geschmack, für alle Altersstufen ist etwas darin vorhanden. Es finden sich die zum literarischen Kanon zählenden Gedichte ebenso wie unbekanntere und heute fast vergessene. In den Gedichten spiegeln sich die Lebenserfahrungen aus acht Jahrhunderten. Zum Jubiläum 2005 wurde dieses berühmte Werk nun um viele Gedichte aus den letzten fünfzig Jahren erweitert.
Gedicht vom 04.11. bis 09.11.2013

Die Ameisen

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Denn auf den letzten Teil der Reise.

Joachim Ringelnatz

aus:

[Die Lieblingsgedichte der Deutschen]

Die Lieblingsgedichte der Deutschen

Klassiker wie Goethes >>Mailied<<, Hölderlins >>Hälfte des Lebens<<, Eichendorffs >>Sehnsucht<< oder Rilkes >>Herbsttag<<, Liebesgedichte wie Frieds >>Was es ist<< oder Brechts >>Die Liebenden<<, aber auch Humorvolles von Ringelnatz, Kästner und Tucholsky - in diesem liebevoll gestalteten Band mit den 100 bekanntesten und beliebtesten deutschen Gedichten werden auch Sie gewiss Ihr persönliches Lieblingsgedicht wiederfinden. Ein schönes Geschenk zum Sicherinnern, zum Nachlesen und zum Neuentdecken. - >>Worte prägen, Gedichte stiften Kontinuität, besonders wenn man sie auswendig kann. Gedichte sprechen von Dauer, die Zeiten ändern sich, die Klassiker bleiben auf ihren Sockeln<< (Lutz Hagestedt im Nachwort).
Gedicht der Woche vom 28.10. bis 02.11.13

Spätherbst

Jetzt steht der ganze Garten leer,
Das Obst ist eingetan,
Spätrosen scheinen müde her,
Die sonst so farbig sahn.

Und bald, und bald wird auch bei mir
Der Herbst und Winter stehn:
So viele Tage blühten dir,
Nun laß die Ernte sehn!

Dann steh ich arm und weiß nicht mehr,
Wöfür mein Herz geglüht,
Kaum dass darin noch ungefähr
Ein spätes Röslein blüht.

Das reiß ich ab und trags am Hut,
Der Weg ist nimmer weit,
Und nehme seine kleine Glut
Mit in die Dunkelheit.

Hermann Hesse

aus: ¿Hermann Hesse Kalender für das Jahr 2014¿, Insel Verlag, 8,99€
Gedicht vom 21.10. bis 26.10.2013

Ausgleichende Gerechtigkeit

Die Strafe, die ich oft verdient,
Gestehen wir es offen:
Ist sonderbarerweise nie
Ganz pünktlich eingetroffen.

Der Lohn, der mir so sicher war
Nach menschlichem Ermessen,
Der wurde leider offenbar
Vom Himmel auch vergessen.

Doch Unglück, das ich nie bedacht,
Glück, das ich nie erhofft
Sie kamen beide über Nacht.
So irrt der Mensch sich oft.

Mascha Kaléko

aus:

[Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter]

Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter

»
Gedicht vom 14.10. bis 19.10.13

Kastanien

Auf dem glatten hellen Wege
liegen sie, verstreut und müde,
braun und lächelnd wie ein weicher Mund,
voll und glänzend, lieb und rund,
hör ich sie wie perlende Etüde.

Wie ich eine nehme und in meine Hand lege,
sanft und zärtelnd wie ein kleines Kind,
denk ich an den Baum und an den Wind,
wie er leise durch die Blätter sang,
und wie den Kastanien dieses weiche Lied
sein muss wie der Sommer, der unmerklich schied,
nur als letzten Abschied lassend diesen Klang.

Und die eine hier in meiner Hand
ist nicht braun und glänzend wie die andern,
sie ist matt und schläfrig wie der Sand,
der mit ihr durch meine Finger rollt.
Langsam, Schritt für Schritt, wie ungewollt
lass ich meine Füße wandern.

Selma Meerbaum-Eisinger

aus: ¿Ich will meine Seele tauchen¿, Kalender 2014, Harenberg Verlag, 15,99€
Gedicht der Woche vom 07.10. - 12.10.13

Glück

Solang du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
Und wäre alles Liebste dein.

Solang du um Verlornes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
Weißt du noch nicht, was Friede ist.

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,

Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht.

Hermann Hesse

aus: So knall vergnügt - Hundert Gedichte über das Glück, Aufbau Verlag, 12,95€
Gedicht der Woche vom 30.09. bis 05.10.13

Apfel-Kantate

Der Apfel war nicht gleich am Baum.
Da war erst lauter Blüte.
Da war erst lauter Blütenschaum.
Da war erst lauter Frühlingstraum
und lauter Lieb und Güte.

Da waren Blätter grün an grün
Und grün an grün nur Blätter.
Die Amsel nach des Tages Mühn,
sie sang ihr Abendlied gar kühn
und auch bei Regenwetter.

Der Herbst, der macht die Blätter steif.
Der Sommer muß sich packen.
Hei! Daß ich auf dem Finger pfeif:
da sind die ersten Äpfel reif
und haben rote Backen!

Hermann Claudius

aus: Ich will meine Seele tauchen (Kalender 2014), Harenberg Verlag, 15,99€
Gedicht der Woche vom 23.09. bis 28.09.13

Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel

[Die Lieblingsgedichte der Deutschen]

Die Lieblingsgedichte der Deutschen

Gedicht der Woche vom 16.09. bis 21.09.13

Mein kunterbuntes Tier ABC

Im Märchen kriegt er einen Kuss,
doch wenn der Storch ihn fängt, ist Schluss!
Der Frosch

Es ist kein Fisch und kein Reptil
und trotzdem lebt es auch im Nil.
Das Nilpferd

Es spielt famos das Do-Re-Mi
und lebt im Land der Fantasie.
Das Xylophontier

Marcus Pfister

aus:

[Marcus Pfister: Mein kunterbuntes Tier-ABC]

Marcus Pfister: Mein kunterbuntes Tier-ABC

Der Dschungel ist das Jagdrevier <br />¿von diesem eleganten Tier.<br />Welches Tier mag das wohl sein? Mit 26 lustigen Rätsel-Reimen zieht Marcus Pfister quer durchs ABC der Tiere. So prägt sich das ABC auch für kleinere Kinder leicht ein.
Gedicht der Woche vom 09.09. bis 14.09.13

Gefunden

Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.

Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.

Ich wollt es brechen
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?

Ich grubs mit allen
Den Würzlein aus:
Zum Garten trug ich es
Am hübschen Haus.

Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.

Johann Wolfgang Goethe

aus:

[Die Lieblingsgedichte der Deutschen]

Die Lieblingsgedichte der Deutschen

Klassiker wie Goethes >>Mailied<<, Hölderlins >>Hälfte des Lebens<<, Eichendorffs >>Sehnsucht<< oder Rilkes >>Herbsttag<<, Liebesgedichte wie Frieds >>Was es ist<< oder Brechts >>Die Liebenden<<, aber auch Humorvolles von Ringelnatz, Kästner und Tucholsky - in diesem liebevoll gestalteten Band mit den 100 bekanntesten und beliebtesten deutschen Gedichten werden auch Sie gewiss Ihr persönliches Lieblingsgedicht wiederfinden. Ein schönes Geschenk zum Sicherinnern, zum Nachlesen und zum Neuentdecken. - >>Worte prägen, Gedichte stiften Kontinuität, besonders wenn man sie auswendig kann. Gedichte sprechen von Dauer, die Zeiten ändern sich, die Klassiker bleiben auf ihren Sockeln<< (Lutz Hagestedt im Nachwort).
Gedicht der Woche vom 02.09. bis 07.09.13

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.
Mein Fräulein! Sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

Heinrich Heine

aus:

Jan-Christoph Hauschild: Heinrich Heine für Große und Kleine

Ein Geschenk, das nicht nur Heine-Fans lieben werden. Der Herausgeber und Heine-Kenner Jan-Christoph Hauschild hat die phantastischsten und lustigsten Reime des Dichters ausgewählt. Mit liebevollen farbigen Zeichnungen des prominenten Illustrators Reinhard Michl versehen, ist dies ein zauberhafter Band für alle, die einen Sinn haben für fröhlichen Übermut, für Scherz, Satire und tiefgründigen Humor von Deutschlands witzigstem Klassiker.
Gedicht der Woche vom 26.08. bis 31.08.13

Der Mann im Mond

Der Mann im Mond hängt bunte Träume,
Die seine Mondfrau spinnt aus Licht,
Allnächtlich in die Abendbäume,
Mit einem Lächeln im Gesicht.
Da gibt es gelbe, rote, grüne
Und Träume ganz in Himmelblau.
Mit Gold durchwirkte, zarte, kühne,
Für Bub und Mädel, Mann und Frau.
Auch Träume, die auf Reisen führen
In Fernen, abenteuerlich.
Da hängen sie an Silberschnüren!
Und einer davon ist für dich.

Mascha Kaléko

aus:

[Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter]

Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter

»Ich werde still sein; doch mein Lied geht weiter«, so schreibt Mascha Kaléko in ihrem Gedicht »Letztes Lied«. Ihren hundertsten Geburtstag nehmen wir zum Anlass, die beliebte Lyrikerin mit einem Geschenkbuch zu feiern, um ihr Lied wieder neu erklingen zu lassen.<br />Herausgegeben wird der Band mit hundert Gedichten von ihrer Erbin und Vertrauten Gisela Zoch-Westphal, die bereits das Mascha Kaléko-Lesebuch >Die paar leuchtenden Jahre< sowie >In meinen Träumen läutet es Sturm< zusammengestellt hat.
Gedicht der Woche vom 19.08. bis 24.08.13

Im Park

Ein ganz kleines Reh stand am ganz kleinen Baum
Still und verklärt wie im Traum.
Das war des Nachts elf Uhr zwei.
Und dann kam ich um vier
Morgens wieder vorbei,
Und da träumte noch immer das Tier.
Nun schlich ich mich leise, ich atmete kaum
Gegen den Wind an den Baum,
Und gab dem Reh einen ganz kleinen Stips.
Und da war es aus Gips.

Joachim Ringelnatz

aus:

[Joachim Ringelnatz: Zupf dir ein Wölkchen]

Joachim Ringelnatz: Zupf dir ein Wölkchen

Gedicht der Woche vom 12.08. bis 17.08.13

Das Tal

Oft geh ich stille
Durchs Tal dahin,
Geheime Fülle!
Verborgner Sinn!
Mit Säuseln schweift es
Die Büsch entlang,
Die Gräser streift es
Im leisen Klang.

Nur wenn mich linde
Die Träum umwehn,
Kann ohne Binde
Mein Tal ich sehn.
Gestalten schweben
Durch Busch und Flur.
O Welt! Dein Leben
Erträumt sich nur.

Ludwig Uhland

aus:

[Und voll mit wilden Rosen]

Und voll mit wilden Rosen

»Ich ging im Walde/ So für mich hin,/ Und nichts zu suchen,/ Das war mein Sinn.« Schon Goethe konnte am besten in der Natur abschalten. Sie ist ein Gegenprogramm zum hektischen Alltag unter Menschen, Ort der Ruhe und Erholung. In dieser Sammlung der schönsten Naturgedichte feiern Dichter aus drei Jahrhunderten die Schönheit von Buchen, Maiglöckchen und weiten Landschaften.<br /><br />Mit Gedichten von Joseph von Eichendorff, Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke und anderen.
Gedicht vom 05.08. - 10.08.2013

Das Mohnfeld

Es war einmal, ich weiß nicht wann
Und weiß nicht wo. Vielleicht ein Traum.
Ich trat aus einem schwarzen Tann
An einen stillen Wiesensaum.
Und auf der stillen Wiese stand
Rings Mohn bei Mohn und unbewegt,
Und war bis an den fernsten Rand
Der rote Teppich hingelegt.
Und auf dem roten Teppich lag,
Von tausend Blumen angeblickt,
Ein schöner, müder Sommertag,
Im ersten Schlummer eingenickt.
Kein Hauch. Kein Laut. Ein Vogelflug
Bewegte kaum die Abendluft.
Ich sah kaum, wie der Flügel schlug,
Ein schwarzer Strich im Dämmerduft.
Es war einmal, ich weiß nicht wo.
Ein Traum vielleicht. Lang ist es her.
Ich seh nur noch, und immer so,
Das stille, rote Blumenmeer.

Gustav Falke (1853-1916)

aus:

Ich will meine Seele tauchen ... 2014

Perlen der Poesie<br />Anrührende Balladen, stimmungsvolle Sonette, stolze Oden ... Dieser Kalender vereint Meisterwerke der Dichtkunst mit faszinierenden Landschafts- und Detailaufnahmen zu einem einzigartigen Lyrikerlebnis.<br />- 53 Gedichte von der Antike bis zur Gegenwart<br />- Bedeutende Dichter von Horaz über Heine bis Bachmann<br />- Stimmungsvolle Fotografien"
Gedicht vom 29.07. bis 03.08.13

Wo komme ich her?

Wo komme ich her?
Wo gehe ich hin?
Was werd ich, wenn ich gewesen bin?
Was bin ich? Immer noch nackt und bloß.
Mal fröhlich leicht, mal ein Trauerkloß.
Ich denke Gedanken, so schnell wie der Wind,
bin alter Mann und bin kleines Kind.
Mal reimt sich mein Leben,
mal schreit es mich an,
dass ich mich selber nicht hören kann.
Dann zittere ich vom Kopf bis zur Zehe
Und merke, dass ich gar nichts verstehe.

Fredrik Vahle

aus:

Fredrik Vahle: Ich und du und der Drache Fu

Gedicht vom 22.07. bis 27.07.2013

Im Walde

Hier an der Bergeshalde
Verstummet ganz der Wind;
Die Zweige hängen nieder,
Darunter sitzt das Kind.

Sie sitzt in Thymiane,
Sie sitzt in lauter Duft;
Die blauen Fliegen summen
Und blitzen durch die Luft.

Es steht der Wald so schweigend,
Sie schaut so klug darein;
Um ihre braunen Locken
Hinfließt der Sonnenschein.

Der Kuckuck lacht von ferne,
Es geht mir durch den Sinn:
Sie hat die goldnen Augen
Der Waldeskönigin.

Theodor Storm

aus:

[Und voll mit wilden Rosen]

Und voll mit wilden Rosen

Gedicht vom 15.07. bis 20.07.2013

Einen Sommer lang

Wenn wir uns von ferne sehen,
Zögert sie den Schritt,
Rupft ein Hälmchen sich im Gehen,
Nimmt ein Blättchen mit.

Hat mit Ähren sich das Mieder
Unschuldig geschmückt,
Sich den Hut verlegen nieder
In die Stirn gerückt.

Finster kommt sie langsam näher,
Färbt sich rot wie Mohn,
Doch ich bin ein feiner Späher,
Kenn die Schelmin schon.

Noch ein Blick in Weg und Weite,
Ruhig liegt die Welt,
Und es hat an ihre Seite
Mich der Sturm gesellt.

Zwischen Roggenfeld und Hecken
Führt ein schmaler Gang,
Süßes, seliges Verstecken
Einen Sommer lang.

Detlev von Liliencron

aus:

[Impressionismus]

Impressionismus

Gedicht der Woche vom 08.07. bis 13.07.13

Garten

Ich sitze im Gras und schweige.
Der Himmel ist blau wie das Meer.
Der Wind bewegt die Zweige,
sie schwingen leicht, hin und her.

Ich bin nicht allein, denn ich sehe
den Wind, der im Kirschgeäst schaukelt,
den Schmetterling, der in der Nähe
ganz langsam vorübergaukelt.

Ich höre die Amseln und Stare.
Ich sehe die Käfer im Kraut.
Der Wind bewegt meine Haare,
die Sonne berührt meine Haut.

Georg Bydlinski

aus:

Zauberwort

Gedicht der Woche vom 01.07. bis 06.07.13

Unmögliche Wünsche

Meinem Kind
Die Wünsche vererben:
Wünsch weiter als ich,
zäh
und mit Ungeduld
über alles hinaus.

Daß die Sprache
der Schuldlosen
die Sprache der Welt wird.
Daß Gewalt
nebelgrau
ins Vergessen sinkt
und Haß
verholzt und abstirbt.
Wünsch, daß die Früchte
reifen für alle
unter der Sonne.

Wünsch weiter als ich.
Wünsch das Unmögliche.

Elke Oertgen

aus:

[»Neue Freuden, neue Kräfte«]

»"Neue Freuden, neue Kräfte", Insel Verlag«

Gedicht vom 24.06. bis 29.06.13
Mein Glück

Draußen kreischt
die Straßenbahn.
Drüben grölt
ein Blödian.
Über mir
tobt ein Klavier,
nebenan
ein Hundetier.
Unten
dröhnt das Radio,
und das Wasser
rauscht im Klo.
In der Küche
pfeift der Topf,
und ein Hammer
übt klopf-klopf.
Doch mir macht das
gar nichts aus ¿
denn ich bin ja nicht
zu Haus!

Max Kruse
aus:

Ich liebe dich wie Apfelmus


Gedicht vom 17.06. bis 22.06.

Abend am See

Leis kommt die Nacht auf Dämmerwegen
Du fühlst im Waldsee ein heimliches Regen
Der Abendwind rauscht durch das Rohr so eigen
In des Sternengeflimmers tanzenden Reigen.

Still ruhn die Wogen in dem Silberschein
Des Monds, der sich erhebet wolkenrein.
Es öffnen die Seerosen ihren Silberkranz.
Ein nie geahndet Glück erfüllet sie ganz.

Georg Heym

aus:

[Impressionismus]

Impressionismus

Gedicht vom 10.06. bis 15.06.2013

Ein Traum ist unser Leben...
Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
Auf Erden hier;
Wie Schatten auf den Wogen schweben
Und schwinden wir
Und messen unsere trägen Schritte
Nach Raum und Zeit
Und sind, wir wissens nicht, in Mitte
Der Ewigkeit.

Von Johann Gottfried Herder

aus:

[Freude schöner Götterfunken]

Freude schöner Götterfunken

Gedicht vom 03.06. bis 08.06.2013

Das Glück ist ein Schmetterling

Der Meister sprach zu seinen Schülern:
¿Das Glück ist ein Schmetterling.
Jag ihm nach und er entwischt dir,
setz dich hin und er lässt sich auf deiner Schulter nieder.¿
¿Was soll ich also tun, um das Glück zu erlangen?¿,
fragte einer der Zuhörenden.
¿Hör auf, hinter ihm her zu sein!
¿Aber gibt es nichts, was ich tun kann?¿

¿Du könntest versuchen, dich ruhig hinzusetzen,
wenn du es wagst.¿

Weisheitsgeschichte

aus:

Der rote Faden No.59: Geh langsam, wenn du es eilig hast

Gedicht vom 27.05. bis 01.06.2013

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau.

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen
.
Rainer Maria Rilke (1875-1926)

aus:

[Impressionismus]

Impressionismus

Gedicht vom 20.05. bis 25.05.2013

Auferstehung

Manchmal stehen wir auf
stehen wir zur Auferstehung auf
mitten am Tage
mit unserem lebendigen Haar
mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
mit weidenden Löwen
und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
und dennoch unverwundbar
geordnet in geheimnisvolle Ordnung
vorweggenommen in ein Haus aus Licht.

Marie Luise Kaschnitz

aus:

[»Neue Freuden, neue Kräfte«]

»Neue Freuden, neue Kräfte«

Gedicht der Woche vom 13.05. bis 18.05.13

Nicht fertig werden

Die Herzschläge nicht zählen
Delphine tanzen lassen
Länder aufstöbern
Aus Worten Welten rufen
horchen was Bach
zu sagen hat
Tolstoi bewundern
sich freuen
trauern
höher leben
tiefer leben
noch und noch

Nicht fertig werden

Rose Ausländer

aus:

[»Neue Freuden, neue Kräfte«]

»Neue Freuden, neue Kräfte«

Gedicht vom 06.05. bis 11.05.2013

Zwei Dinge
sollten Kinder
von ihren Eltern
bekommen:
Wurzeln
und
Flügel.

Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832)

aus:

Nina Sandmann: Für meine klasse Mutter

Gedicht der Woche vom 29.04. bis 04.05.

Frühling

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
Horch, von fern ein leiser Harfenton
! Frühling, ja du bists!
Dich hab ich vernommen!

Eduard Mörike (1804-1875)

[Freude schöner Götterfunken]

Freude schöner Götterfunken

Gedicht der Woche vom 22.04. bis 27.04.13

Aus einem April

Wieder duftet der Wald
es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern
schwer war;
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er
leer war,-
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die Wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
Über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

aus:

[Rainer Maria Rilke]

Rainer Maria Rilke

Gedicht vom 15.04. bis 20.04.13

Aus einem April

Wieder duftet der Wald
es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war,-
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
Über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

Rainer Maria Rilke
aus:

[Rainer Maria Rilke]

Rainer Maria Rilke

*Gedicht der Woche vom 08.04. bis 13.04.13

Das Märchen von der Wolke
Der Tag ging aus mit mildem Tone,
so wie ein Hammerschlag verklang.
Wie eine gelbe Goldmelone
lag groß der Mond im Kraut am Hang.

Ein Wölkchen wollte davon naschen,
und es gelang ihm, ein paar Zoll
des hellen Rundes zu erhaschen,
rasch kaut es sich die Bäckchen voll.

Es hielt sich lange auf der Flucht auf
und sog sich ganz mit Lichte an; -
da hob die Nacht die goldne Frucht auf:
Schwarz ward die Wolke und zerrann.

aus:

Rainer Maria Rilke: Die schönsten Gedichte

Gedicht vom 01.04. - 06.04.13

Frühlingsnacht

Übern Garten durch die Lüfte
hört ich Wandervögel ziehn,
das bedeutet Frühlingsdüfte,
unten fängts schon an zu blühn.

Jauchzen möchte ich, möchte weinen,
ist mir's doch, als könnt's nicht sein!
Alte Wunder wieder scheinen
mit dem Mondesglanz herein.

Und der Mond, die Sterne sagens,
und in Träumen rauscht's der Hain,
Und die Nachtigallen schlagens:
Sie ist deine, sie ist dein!

Joseph von Eichendorff

aus:

Adolf Holst, Paula Dehmel: Der Frühling ist da!

Gedicht vom 25.03. - 30.03.2012

O Welt in einem Ei

O Welt in einem Ei, von Haut\ß Und Schale rings umgeben!
Wenn dich die Sonne schaut,
Beginnt dein freieres Leben.

Dann lebst du, wie dein Ahne will,
Als Strauß, als Fisch, als Krokodil,
Als Huhn ein Mehrerwachen,

Ein größeres Glück und größere Qual
In einem weiteren Oval.
Bis neue Schalen krachen.

O Welt in einem Ei,
Wie Wichtiges entscheidet sich,
Geht deine Wand entzwei.
Vielleicht verschlingt man, kocht man dich,
Ißt dich mit Senf, mit Kaviar
(Störs ungezählten Eiern!).

Und wenn sie Ostern feiern,
Die dich verschlucken roh und gar,
Dann lachen sie und spaßen
a conto Osterhasen.
Doch wer von ihnen denkt dabei
An dich, du Mikrowelt in einem Ei!?

Joachim Ringelnatz

aus:

Die schönsten Frühlingsgedichte

Gedicht vom 18.03. - 23.03.2013

Vorfreude ist schön

Freue dich jeden Abend auf etwas,
was du am nächsten Tag mit Begeisterung tun kannst.
Spüre schon am Vortag
Den ¿wunderbaren Geschmack¿
der bevorstehenden Tätigkeit,
die dich wieder mit sprudelnder Energie erfüllen wird.
Freue dich schon am Vortag auf das,
was du morgen wieder erschaffen wirst.
Und denke daran, dass Vorfreude
eine wunderbare Form von Glück ist.

aus:

Maria Wiesinger: Kräuter des Lebens

Gedicht der Woche vom 11.03. bis 16.03.13

Das Arme Vöglein

Ein Vogel ruft im Walde,
Ich weiß es wohl, wonach?
Er will ein Häuschen haben,
Ein grünes, laubig Dach.

Er rufet alle Tage,
Und flattert hin und her,
Und in dem ganzen Walde
Hört keiner sein Begehr.

Und endlich hörts der Frühling,
Der Freund der ganzen Welt,
Der gibt dem armen Vöglein
Ein schattig Laubgezelt.

Wer singt im hohen Baume
So froh vom grünen Ast?
Das tut das arme Vöglein
Aus seinem Laubpalast.

Es singet Dank dem Frühling
Für das, was er beschied,
Und singet, so lang er weilet,
Ihm jeden Tag ein Lied.

August Heinrich Hoffmann und Fallersleben

Gudrun Bull: Gedichte für einen Frühlingstag

Gedicht der Woche vom 04.03. - 09.03.13

Der Frühling

Wenn auf Gefilden neues Entzücken keimt
Und sich die Ansicht wieder verschönt und sich
An Bergen, wo die Bäume grünen,
Hellere Lüfte, Gewölke zeigen,

O! welche Freude haben die Menschen! froh
Gehn an Gestaden Einsame, Ruh und Lust
Und Wonne der Gesundheit blühet,
Freundliches Lachen ist auch nicht ferne.

Friedrich Hölderlin
(1770-1843)

Gudrun Bull: Gedichte für einen Frühlingstag

Gedicht der Woche vom 25.02.-2.03.2013

Wer seinen Humor verliert,
verliert seine beste Waffe
im Umgang mit
dem Ernst des Lebens.
Denn wichtiger noch
Als die traurige Wahrheit
ist die Fähigkeit,
über sie zu lachen-
und sei es nur,
um ihr das Gift zu nehmen.

Hans Kruppa

aus:

Hans Kruppa: Weisheit und Lebenskunst

Gedicht vom 18.02. bis 23.02.2013

Wer sein Leben zu sehr plant,
kann es leicht verplanen.
Wer sein Leben zu sehr
dem Zufall überläßt,
kann sich schnell verirren.
Wer seiner Intuition folgt,
läuft nie Gefahr,
seinen Weg zu verlieren.

Hans Kruppa

aus:

Hans Kruppa: Weisheit und Lebenskunst

¿Weisheit & Lebenskunst¿, Verlag ars edition, 9,99€
Gedicht vom 11.02. bis 16.02.13

Das Veilchen

So lieb, so klein,
So schön, so rein,
Lieb Veilchen auf der Heide!
Lieb Veilchen, du die kleinste Zier
Der Mutter Erde, du bist mir,
Bist mir die größte Freude!

Du stehst nicht stolz
Auf Dornenholz,
Wie dort die stolze Rose:
Du bist bescheiden, Blümchen, du,
Und winkst mir deine Liebe zu,
Wie meine kleine Lose!

Lieb Veilchen, ich,
Ich lieb auch dich,
Wie meine lieben Musen:
Komm mit mir, Veilchen, komm, erwirb
Der kleinen Losen Lieb und stirb
Verliebt an ihrem Busen!

Von Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803)

aus:

Gudrun Bull: Gedichte für einen Frühlingstag

Gedicht der Woche vom 04.02. bis 09.02.13

Es war einmal ein Stier
Der war wohl nicht von hier.

Er stapfte durch den Klee
Und rief: Olé! Olé!

Wann kommt denn ein Torero?
Dann schwang er den Sombrero

Der nächsten Kuh ans Euter.
Doch die fraß ruhig weiter.

Franz Hohler
aus:

[Franz Hohler: Es war einmal ein Igel]

Franz Hohler: Es war einmal ein Igel

Gedicht der Woche vom 28.01.-02.02.13

Das arme Vöglein

Ein Vogel ruft im Walde,
Ich weiß es wohl, wonach?
Er will ein Häuschen haben,
Ein grünes, laubig Dach.

Es rufet alle Tage,
Und flattert hin und her,
Und in dem ganzen Walde
Hört keiner sein Begehr.

Und endlich hörts der Frühling
Der Freund der ganzen Welt,
Der gibt dem armen Vöglein
Ein schattig Laubgezelt.

Wer singt im hohen Baume
So froh vom grünen Ast?
Das tut das arme Vöglein
Aus seinem Laubpalast.

Es singet Dank dem Frühling
Für das, was er beschied,
Und singt, so lang er weilet,
Ihm jeden Tag ein Lied.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

aus:

Gudrun Bull: Gedichte für einen Frühlingstag

Gedicht der Woche vom 21.01.-26.01.2013

Sätze vor dem Gedicht

Ich rufe die Wörter
zusammen,
sie haben
kein Fell, kein Gefieder,
sie haben, wenn
sie sich im Rudel drängen
und auf mich warten,
nur eine dünne Haut,
die reißt und sie
bloßstellt,
sobald ich ungeduldig werde
und sie nicht streichle
mit meiner Stimme.

Peter Härtling

aus: ¿Sätze von Liebe¿, Preis 9,90€
Gedicht der Woche vom 14.01. bis 19.01.

Der Januar ist mild
die Amsel flötet schon
sie trällert zwischen Winter-
und leichtem Frühlingston.

Die Zeit steht im Kalender
ansonsten rennt sie schnell
der Tag wird später dunkel
und morgens eher hell.

Ich bleibe kurz mal stehen
und schaue wo ich bin
ich spür die Zukunft wehen
den tief verborgenen Sinn.

Die Arbeit ruft
ich sage:
ich rufe sie zurück
ich muss noch kurz genießen
drei Atem lang
das Glück.

Anna Tomczyk

aus:

[Ein Winter-Wunder-Wünschebuch]

Ein Winter-Wunder-Wünschebuch

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